Samstagmorgen kurz nach fünf. Das Telefon läutet. Schlaftrunken, unwirsch und misstrauisch nehme ich den Hörer ab. Knappe, aber gefasste Worte fallen. «Hans Gygli, salü Tom. Wenn du noch nicht im Bild bist: In Schweizerhalle brennt es in der Chemie, der Gestank ist fürchterlich. Ich weiss nicht, was daraus noch wird. Jedenfalls ist bei uns heute keine Schule. Bleib zu Hause und höre Radio. Am Montag wieder.»

Unser Rektor vom Gymnasium Bäumlihof gab allen auswärtigen Lehrkräften – viele, auch er und ich, wohnten im Baselbiet – persönlich seinen Entscheid bekannt. Atemlos verfolgten wir nun Radio Basilisk, kaum Radio DRS, unterbrochen nur durch weitere Telefone. Die Meldungen waren erst verwirrend und widersprüchlich, dann aufwühlend, denn so etwas hatten wir noch nie gehört. Eine Katastrophe schien abzulaufen. Und sie betraf uns alle.

Nach dem Sirenenalarm versuchten die Behörden, die Bevölkerung zu beruhigen, was unterschiedlich gut gelang. Dazu gehörte später auch der bizarre Auftritt am Radio von Regierungsrat Hansruedi Striebel. Er verharmloste, beschwichtigte und verkündete, dass die Schule für alle um halb Zehn beginnen könne.

Was jetzt? Ich war plötzlich im Zwiespalt, verstärkt durch den angesagten Elterntag an jenem Samstag bei uns am Bäumlihof. «Ich gehe», sagte ich schliesslich zu meiner Frau. «Nein, bleib hier – es ist zu gefährlich!» Doch mein Pflichtbewusstsein war stärker. Nichts Heroisches, vielleicht nur die Absicht, mich keinem Elternvorwurf auszusetzen.

So fuhr ich von Füllinsdorf bald durch eine Wolke von ekelhaftem Gestank, der mir fast den Atem raubte, und am gespenstigen Inferno von Schweizerhalle vorbei, der Schule zu. Draussen in den Anlagen wartete eine grosse Menschenmenge. Schüler, Eltern, Lehrer und Neugierige – vereint und ratlos.

Ich suchte den Rektor, um ihm mein Erscheinen anzukündigen. Seine Reaktion war kühl: «Warum bist du gekommen? Du weisst doch, dass wir heute keine Schule haben.» «Striebel …» «Er ist hier nicht zuständig, sondern ich.» So war unser Rektor, ein Altphilologe, der von uns und von sich selbst stets viel verlangte, entscheidungsfreudig war und nicht gleich bei Forderungen von Aussen einknickte.

Seine Souveränität zahlte sich auch diesmal aus. Striebel aber wurde diesen schwarzen Samstag nie mehr los. Seine Glaubwürdigkeit konnte er bis zum Ende seiner Amtszeit nicht mehr zurückgewinnen.

Ein anderer Regierungsrat – mein Realschulkamerad Werner Spitteler – war hingegen als Baselbieter mitten im Geschehen in leitender Funktion tätig. Ihm war schnell klar, dass das Unglück Wut und Ohnmacht auslösen musste. Die Politik und die Industrie zusammen waren jetzt gefordert.

Vor 30 Jahren: Grossbrand in Schweizerhalle

Vor 30 Jahren: Grossbrand in Schweizerhalle

  

Gelernt haben wir aber alle aus diesem Brand. Heute sehen wir ihn als Mahnmal, wie auch Bettina Eichins Kunstwerk «Tabula rasa». Wir sind uns der Verantwortung für die Umwelt stärker bewusst als früher, aber noch immer sitzt uns der mangelnde Respekt vor der Natur wie ein Giftfass fest im Nacken.