In den vergangenen Tagen war Lukas Kilcher bestimmt einer der spannendsten denkbaren Gesprächspartner. Für den Leiter des Ebenrain-Zentrums in Sissach greift die bisherige Berichterstattung über den Hitzesommer und die Auswirkungen auf die Landwirtschaft zu kurz. Er fordert zu einer gesamtheitlichen Betrachtungsweise auf. Kilcher wehrt sich insbesondere gegen den durch die Zeitungslektüre entstandenen Eindruck, mit dem Zukauf von Futter, etwas Gewitterregen und tieferen Temperaturen könne man wieder zur Tagesordnung übergehen.

Erstens war die Schweiz in diesem Sommer keine Trockenheitsinsel. Futteranbaugebiete wie beispielsweise in Frankreich haben ebenso stark gelitten, folglich gestalten sich die Importe von dort schwierig. Das trifft insbesondere jene Betriebe in der Region, wo ohnehin ein Missverhältnis zwischen dem eigenen Viehbestand und der Futteranbaufläche besteht. Wenn jetzt einige Landwirte den eigenen Viehbestand überdenken und diesen mit der vorhandenen Futterfläche in ein nachhaltiges Verhältnis bringen müssen, dann könnte die Trockenheit zumindest in dieser Hinsicht auf schmerzhafte Weise zu Korrekturen zwingen.

Kilcher und andere Experten befürchten aber, dass trotz der Regenschauer in diesen Tagen das Schlimmste erst noch bevorsteht und in den kommenden Wochen eine eigentliche Dürre-Notsituation entstehen könnte – gerade weil die Folgen der Trockenheit noch Monate andauern, und die Lage auf vielen Betrieben wirklich prekär ist. Wenn beispielsweise nach erfolgter Getreideernte jetzt keine Kunstwiesen zur Erholung der Äcker und zur Futtermittelproduktion angebaut werden können, dann führt dies zu einem Rattenschwanz an Konsequenzen für die Futterernte und für die Fruchtfolge. Bei den Kartoffeln geht Kilcher davon aus, dass die Ernte unter Trockenheit zu Kaliber- und Qualitätsmängeln führt, ganz abgesehen von der zusätzlichen Ernteerschwernis durch die zu erwartenden pickelharten Böden. Schliesslich wurden gerade im Baselbiet einmal mehr die Hochstamm-Kulturen getroffen, weil diese kaum bewässert werden können und die Trockenheit ganze Baumpartien verdorren lässt. Auch können die Äpfel schlechter ausgedünnt werden, was zu einer Ernte von schlechterer Qualität führt.

Nun ist der Ebenrain-Leiter stets der erste, der bei Problemen zunächst bei sich nach Lösungen sucht; ganz nach dem Motto: Nur wenn wir jetzt konsequent handeln, übernehmen wir unsere Verantwortung für die künftigen Generationen. Deshalb fordert er, dass nicht nur die Zivilgesellschaft allgemein, sondern eben auch die Landwirtschaft den Ausstieg aus den fossilen Energien anstreben müsse; zum Beispiel mit solarbetriebenen Leichtbaugeräten.

Anderseits können nach wochenlanger Trockenheit und drohender Dürre der Handel sowie Konsumentinnen und Konsumenten nicht so tun, als ob sie das alles nichts anginge, was auf unseren Feldern passiert. Wer im Supermarkt an den immer noch vollen Gemüse- und Obstregalen mit glänzenden Topprodukten vorbeigeht, kann sich nicht vorstellen, wie gross die Verluste, Ausfälle und Mühen mit all jenen Produkten sind, die es nicht bis ins Verkaufsregal geschafft haben. Darum braucht es gerade jetzt eine Verhaltensänderung. Also mehr Solidarität mit den Bauern und die Schaffung einer allgemeinen Akzeptanz, dass man nach solchen Wetterlagen entsprechende Ernten nicht nach üblicher Norm, sondern speziell behandelt, und auch die kleineren und weniger perfekt geformten Kartoffeln und Äpfel kauft.

Dass man das durch Notschlachtungen zusätzlich auf den Markt kommende regionale Fleisch im Grosshandel ohne Preisabschlag annimmt. Da kein anderer Produktionszweig so unmittelbar vom Klimawandel betroffen ist wie die Landwirtschaft, und der Klimawandel ein nur sehr langsam zu bremsender Prozess ist, verträgt diese Art von Umdenken keinen Aufschub mehr – nicht nur, aber eben auch beim Konsumenten: also bei uns.