Als meine jüngste Schwester als kleines Mädchen einmal notfallmässig ins Spital musste (fragen Sie nicht nach dem Schuldigen) und auf einem Schragen liegend vom einem schwarzen Arzt behandelt wurde, fragte sie die Mutter, nachdem dieser das Zimmer verlassen hatte: «Hat dieser Doktor nackte Füsse?» Das war natürlich schon damals in den siebziger Jahren peinlich. Aber nicht, weil man an Rassismus gedacht hat, sondern weil es gegen die gute Kinderstube verstiess. Schliesslich beurteilt man keine Menschen nach ihrem Äusseren. Vor allem nicht, wenn die Person es hätte hören können.

Dabei war es eine unschuldige Aussage, basierend auf einem Weltbild, das uns unter anderem die Schweizer Comic-Figur Globi vermittelt hatte, die in einem Band Afrika besuchte. Man dachte sich nichts dabei. Auch die Eltern nicht. Und schon gar nicht die Kirche, zu deren Inventar wie selbstverständlich das nickende Negerlein gehörte, dem man gerne ein Zwanzgerli schenkte für die Missionare da unten in Afrika. Undenkbar, dass ein Mohrenkopf hätte zum Schaumkuss umbenannt werden sollen. Und Schwarze sahen für uns wirklich so aus, wie das Logo der Guggenmusik Negro Rhygass. Unser Nichtwissen ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung.

Nun, die Zeiten haben sich geändert. Niemand kann mehr sagen, er wisse nicht, was er sagt, wenn er es sagt. Nicht einmal Kinder. Die Unschuldsvermutung wurde abgeschafft. Und damit auch jegliches Mass beim (ver-)urteilen. Meine Eltern müssten heute mit einer Anzeige rechnen, hätte der Medizinstudent, der die Basler Fasnachtsgemeinschaft zur Weissglut treibt, zufällig mitgehört, was meine Schwester über den schwarzen Arzt sagte. So kommt es, dass Basler Guggen plötzlich auf die Stufe offen rassistischer Parteien wie die deutsche AfD gehoben werden.

Es gibt kein Abwägen mehr, keinen Kontext, kein Herleiten. Nur die heutige Sicht zählt. Die Selbstgerechtigkeit, die so entsteht, ist unerträglich. Und sie schadet der Sache. Das zeigt die in Basel entbrannte Diskussion exemplarisch. Es entsteht kein reflektierter Diskurs über Alltags-Rassismus und eingefahrene Ansichten. Statt Erkenntnisgewinn sind verhärtete Fronten das Ergebnis. Auf den sozialen Medien ist der Ton schrill. Das mag auch daran liegen, dass Fasnächtler nicht mit Kritik umgehen können. Was insofern etwas paradox ist, als dass die Fasnacht der geschützte Rahmen ist, in dem nichts und niemand geschont wird. Es ist absurd, ausgerechnet die drey scheenschte Dääg unter Rassismusverdacht zu stellen, obwohl solches Gedankengut gnadenlos durchfallen würde. Die Selbstregulierung funktioniert. Das zeigt sich schön am Beispiel des — im Vergleich zu rassistischen Entgleisungen — harmlosen Fall der früher allseits beliebten Schnitzelbänke gegen Zürcher und Schwoben. Es gibt sie kaum noch, weil die Ressentiments, von denen sie sich genährt haben, (fast) verschwunden sind.

Aber die Spezies, die «das doch noch mal sagen dürfen» will, die gibt es noch. Sie feiert in solchen Situationen Urständ. Aggressiv und laut. Scheingefechte um Guggennamen und -logos bestärken sie in ihren Ansichten. Und die sind im Kern nicht selten rassistisch. Mit der Folge, dass sie nichts dabei finden, wenn im Mittelmeer tausende Flüchtlinge ertrinken, wenn es Menschen mit der Endung –ic im Namen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt schwer haben, wenn die Hautfarbe noch immer den Unterschied ausmacht, wie man auf einen Menschen zugeht. Es geht nicht darum, Rassismus zu verharmlosen. Es geht darum, die Debatte anhand der wirklich wichtigen Themen zu führen.

Und genau hier sind jene gefordert, die mit ihrem, im eigenen Urteil unfehlbaren Gerechtigkeitssinn die Sprache in Geiselhaft genommen haben. Es ist nicht die Frage, ob wir in der Bäckerei einen Mohrenkopf oder ein Meitlibei kaufen, ob wir am 1. August einen Frauenfurz ablassen und lieber eine Lehrerin oder Lehrer hätten statt einer Lehrperson. Es ist die Frage, ob die Begriffe bewusst herabmindernd verwendet werden oder einfach, weil sie zum ganz normalen Wortschatz gehören, was sie in aller Regel tun.

Umerziehung per Sprache funktioniert nicht mit dem Holzhammer. Vor allem nicht bei weissen, älteren Männern, die aber gemäss dem jüngsten Trend sowieso zu schweigen haben. Ausser eventuell zu Fussball. Denn sie sind ohnehin privilegiert. Zu Rassismus dürfen sich also nur noch Andersfarbige, respektive ihre gutmeinenden Fürsprecher äussern. Feminismus ist sowieso reine Frauensache, weil #menaretrash (Männer sind Abfall), wie der Hashtag einer laufenden Twitter-Kampagne lautet. Und um die Absurdität auf die Spitze zu treiben, ist es Schauspielerinnen auf Druck von Aktivistenden nicht mehr erlaubt, einen Trans-Mann darzustellen, wie Scarlett Johansson kürzlich erfahren musste.

Manchmal möchte ich gerne die kleine Schwester im Krankenbett sein.