Hat noch jemand den Überblick? Bezüglich der Unstimmigkeiten und Unklarheiten bei der Zentralen Arbeitsmarktkontrolle (ZAK) oder bei den Gesamtarbeitsverträgen (GAV) im Maler- und Gipsergewerbe? Wer ist der Bösewicht? Die Wirtschaftskammer (Wika)? Die Gewerkschaften? Regierungsrat Thomas Weber? Oder «nur» der Chef des kantonalen Amtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga), Thomas Keller? Oder niemand? Oder alle?

Das Problem geht tiefer. Die Eruptionen, die schon bald auch einen ausserkantonalen Staatsanwalt beschäftigen werden, sind Ausdruck eines Systems, das sich überlebt hat. Es ist das System Baselland, das jahrzehntelang für ein gedeihliches Miteinander von Politik, Verwaltung und Wirtschaft sorgte. Man kann es ruhig Nepotismus nennen. Die Verflechtungen wurden eng und enger. Bis niemand mehr sagen konnte, wer in wessen Abhängigkeit steht. Das Bewusstsein für Rollenkonflikte schwand gänzlich.

Aktuell schön zu sehen an Regierungsrat Thomas Weber, der lieber nochmals Wika und Gewerkschaften in Sachen GAV anhörte, als die vorbereitete Strafanzeige einzureichen. Immerhin geht es um den Verdacht der Begünstigung. Nur die Justiz kann diese Frage klären. Weber, der einst von der Wika portiert wurde, seine Unabhängigkeit stets betonte und auch vor Kritik nicht zurückschreckte, steht nun seinerseits im Verdacht, einen nötigen juristischen Schritt verzögert, wenn nicht gar verhindert versucht zu haben.

Das Epizentrum war und ist die Wika. Unter Hans Rudolf Gysin weitete der Verband seinen Einfluss stetig aus. Der Einsatz galt mehr und mehr nicht nur den Anliegen des Gewerbes, sondern der Wika selbst. Sie ging in der Verwaltung ein und aus, entwarf Gesetze, die der Landrat abnickte und ihr zu neuen Einnahmen verhalf, und übernahm hoheitliche Aufgaben, im Falle der ZAK zusammen mit den Gewerkschaften. Auch wenn die Staatsanwaltschaft zwei Verfahren wegen ungetreuer Geschäftsführung zum Nachteil der ZAK und wegen Betrugs zum Nachteil des Kantons eingestellt hat, so ändert sich nichts an der Tatsache, dass das Konstrukt Arbeitsmarktkontrolle ordnungspolitisch fragwürdig ist. Weber hätte es nach Auffliegen der Unregelmässigkeiten nicht halbbatzig reformieren, sondern zumindest vorübergehend zum Staat in zurück transferieren sollen.

Gysin hatte die Gabe, mit Charme und List dafür zu sorgen, dass auch seine Kritiker nicht völlig leer ausgingen. So erwuchs dem System, das den Kanton fest im Griff hatte, kaum Gegenwehr. Seinem Nachfolger Christoph Buser, der angetreten war, die Wika zu reformieren, fehlt diese jovial-patriarchalische Art. Seine Waffe ist der Zweihänder, den er gerne und oft einsetzt. Unvergessen seine Brandrede am diesjährigen Neujahrsapéro. Seine in harschen Worten vorgetragene Fundamentalkritik an der kantonalen Wirtschaftsförderung und damit an Weber hat die Gästeschar, die mehrheitlich zu seinem Lager gehörte, vor den Kopf gestossen.

Die öffentliche Brüskierung politischer Gegner und «eigener» Regierungsräte ist mit ein Grund, weshalb Gysins Erbe bröckelt. Tatsächlich sind die Absetzbewegungen innerhalb des bürgerlichen Lagers unübersehbar. Selbst in der eigenen Partei, der FDP, hat Buser an Rückhalt verloren. Seine Ambitionen auf einen Sitz im Bundesparlament wird er begraben müssen.

Der Einfluss der Wika schwindet. Busers Plan, die Wirtschaftsförderung unter seine Fittiche zu bekommen, ist spätestens seit jenem Apéro nicht mehr mehrheitsfähig. Die Energieabgabe, die dem Verband, selbst längst ein KMU, eine Einnahmequelle langfristig gesichert hätte, schickte das Volk nicht zuletzt genau deshalb bachab. Nicht einmal seine Höhenfeuer-Rhetorik mag mehr verfangen, zumal wenn sie als rein eigennützig entlarvt wird. So liegt der Verdacht nahe, dass sein Nein zu geplanten Spitalgruppe nicht unwesentlich mit dem Umstand zu tun hat, dass das Kantonsspital Baselland Wika-Mitglied ist und damit Kunde derer Familienausgleichskasse.

Dass Thomas Weber, einer der Väter ebendieser Spitalgruppe, nun selbst unter Druck kommt, kann, muss aber nicht Zufall sein. Angeschwärzt worden ist er von Mitarbeitern des Kiga, jenes Amtes, das die engsten Verbindungen zur Wika pflegt. Jetzt rächt sich, dass Weber die Zügel schleifen liess, statt längst Remedur zu schaffen.

Die Gemengenlage ist derart unübersichtlich, dass eigentlich eine Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) Licht ins Dunkle bringen müsste. Parallel zu den diversen Strafverfahren braucht es eine politische Aufarbeitung. Diese ist aber nur möglich, wenn die alten Seilschaften den Landrat nicht blockieren. Die Wählerinnen und Wähler sollten das vor Augen haben, wenn sie in neun Monaten Parlament und Regierung neu bestellen.