Wenn es um den Islam geht, brennen in der öffentlichen Debatte und bei nicht wenigen Politikern alle Sicherungen durch. Von der Gefährdung des christlichen Abendlandes ist dann die Rede, von unseren Werten, die es zu verteidigen gelte. Vorurteile und Ressentiments werden gehegt und gepflegt, auf dass sie parteipolitische Früchte tragen. Symbol-Initiativen ohne den geringsten Nutzen für ein erspriessliches Zusammenleben finden grossen Widerhall. Erst wurde der Bau von Minaretten verboten, vielleicht bald das Tragen von Burkas. Wenn von Integration die Rede ist, ist meist Unterwerfung gemeint. Geschieht irgendwo in der westlichen Welt (und nur dort) eine Bluttat, sehen sich die hier lebenden Musliminnen und Muslime mit der Forderung konfrontiert, sich umgehend zu distanzieren. Etwas, das man nie hört, wenn der Täter dem eigenen Kulturkreis angehört, wie zum Beispiel jüngst der offenbar rechtsradikale Massenmörder von Florida.

Auf dieser Klaviatur, auf der die SVP seit Langem virtuos spielt, versucht sich nun auch die CVP. Seit Gerhard Pfister die nationale Partei führt und das Christentum zurück in die Politik bringen will, geriert sich auch so manche Kantonalsektion als Bollwerk gegen die Islamisierung. Zum Beispiel jene von Basel-Stadt, der es vorgeblich um die Sicherheit und die öffentliche Ordnung geht (Seite 23). Das Problem: Es wird nicht funktionieren, mit restriktiven Massnahmen alleine eine nachhaltige Wirkung zu erzielen. Ein Verbot von Koranverteilungsaktionen bis hin zu Einreiseverboten für radikale Imame in Ehren, sie sind aber im besten Fall Puzzleteile im Kampf gegen Extremisten. Vordringlich wäre jedoch, endlich das ganze Bild zu beachten und zu akzeptieren.

Das Bundesamt für Statistik weist für das Jahr 2015 einen Anteil von 5,1 Prozent Musliminnen und Muslimen an der ständigen Wohnbevölkerung aus. Das ist wenig im Vergleich zu den beiden Landeskirchen (römisch-katholisch: 37,7 Prozent; evangelisch-reformiert: 25,5 Prozent) weniger als der Anteil Freikirchler bis hin zu Endzeitsekten, Juden, Hinduisten und Buddhisten (7,4 Prozent). Die am stärksten wachsende Gruppe ist übrigens jene ohne Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft. Sie macht schon fast einen Viertel der Bevölkerung aus. Der Islam ist nach dem Christentum mit weitem Abstand, aber dennoch die zweitverbreitetste Religion in der Schweiz.

Diese Tatsache lässt nur einen vernünftigen Schluss zu: Der Islam gehört zur Schweiz. Also soll er auch als etwas Schweizerisches behandelt werden. Ganz nüchtern. Ohne Verteufelung, wie meist von rechts, ohne Verharmlosung, wie immer von links. Eine staatliche Anerkennung als Landeskirche und damit die nochmals betonte Pflicht, die Bundesverfassung zu akzeptieren, tut not. Voraussetzung ist allerdings, dass sich die sehr heterogene muslimische Gemeinschaft in diesem Punkt findet. Sie müsste sich eine übergeordnete, transparente Struktur geben. Kein einfaches Unterfangen angesichts der zahlreichen Strömungen und verschiedenen ethnischen Herkünfte. Aber unmöglich ist es nicht, weil die Belohnung Akzeptanz heisst.

Eine solche Normalisierung würde dem Islamismus zumindest einen Teil des Nährbodens entziehen. Was will ein Hassprediger bewirken, wenn sich die Menschen als Teil des Ganzen begreifen und deren gesellschaftliche und berufliche Aufstiegschancen intakt sind? Natürlich wird es auch dann noch Extremismus geben. «Gotteskrieger», denen jede Art von säkularem Staat einem Frevel gleichkommt, werden nicht einfach verschwinden. Nur können die Behörden ihrer einfacher habhaft werden, weil sie weniger Unterschlupfmöglichkeiten haben. In Kauf nehmen müssen wird man weiterhin befremdliche Aussagen stockkonservativer Prediger. Aber damit haben wir ja Erfahrung. Auch im Christentum wimmelt es von reaktionären Priestern mit Wahrheitsanspruch, die gegen Schwule, wilde Ehen und Lebensfreude wettern. Kein Wunder, gehört zu den grossen zivilisatorischen Errungenschaften der westlichen Welt die Doppelmoral.

Deshalb ist es so wichtig, dass Religion dort gelebt wird, wo sie hingehört: ins Private. Solange keine Straftaten begangen werden, hat es niemanden zu interessieren, welchen Geboten jemand folgt. Die Religion, egal welche, darf hingegen nicht vorgeschoben werden, um Mädchen den Schwimmunterricht vorzuenthalten oder um in der Politik die gleichgeschlechtliche Ehe zu verhindern.

«Vordringlich wäre jedoch, endlich das ganze Bild zu beachten und zu akzeptieren.»