Der Abstieg ist krachend. Und er kann auch jenen nicht gefallen, die auf teure Accessoires pfeifen. Die Uhren- und Schmuckmesse, genannt «Basel World», verlor 2017 im Vergleich zum Vorjahr 200 von 1300 Ausstellern. 2018 – dies steht bereits fest – weitet sich dieses Abbröckeln zum Erdrutsch aus. Offen bleibt, wer darunter begraben wird: Sind es die Träume, auf lange Sicht der wichtigste Marktplatz für glamouröse Glitzerdinge zu bleiben? Ist es das Kalkül, mit neuen, prestigeträchtigen Messehallen in der obersten Liga des «live marketing» mitzumischen? Oder geht gleich der ganze Basler Messeplatz verschütt, wenn sein Leuchtturm kippt?

Jedes dieser Szenarien ist für Basel viel erschütternder als das Sommertheater um die BVB-Million, auf die wir Tonnen von Druckerschwärze verschwenden. Würde man den laufenden Niedergang fortschreiben, gäbe es die «Basel World» in fünf Jahren nicht mehr. Dieser Countdown ist keine Privatangelegenheit der MCH Group. Denn erstens gehört fast die Hälfte der Messegesellschaft der öffentlichen Hand. Zweitens haben wir Steuerzahler in den letzten Jahrzehnten in den Messestandort investiert und ihn raumplanerisch gefördert. Und drittens profitieren so viele Zulieferer, Standbauunternehmen und Gastronomiebetriebe von der Existenz der grossen Produkteschauen im Kleinbasel, dass manche unter ihnen in arge Nöte gerieten, wenn es die «Basel World» nicht mehr gäbe.

Wir sind deshalb alle aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten. Es nützt nichts, der Messeleitung vorzuwerfen, das jährliche Blitzlichtgewitter der Uhren- und Schmuckbranche allzu lange als Selbstläufer und Goldesel bewirtschaftet zu haben. Auf der anderen Seite wäre es angezeigt, dass die Messe auf die Bevölkerung und speziell auf ihre Kreativwirtschaft hört, um den ganz tiefen Fall zu vermeiden. Dieser droht, so bald die kritische Masse an Ausstellern fernbleibt und in der Folge auch die Händler. Diese konnten hier bis vor Kurzem noch Dutzende Lieferanten in wenigen Tagen effizient abklappern, um ihre Jahreseinkäufe zu tätigen.

Weshalb sollte die Messe den Kreativen dieser Stadt zuhören? Sie sind meist jung, sie verstehen die neue, digitale Welt, sie kennen die innovativen Marktbearbeitungs-Strategien, die den Altvorderen – bei allem vergeblichen Bemühen – fremd bleiben. Die Menschen, die an die «Basel World» kommen, müssen einen Grund haben, sich zu treffen. Waren ordern können sie auch im Internet. Die Verführungskünste und Werbemechanismen sind inzwischen online genau so ausgefeilt, aber günstiger als auf einem physischen Marktplatz. Im Gegenzug wird es für das Business immer wichtiger, sich analog, persönlich zu sehen, auszutauschen und gemeinsam nachzudenken – gerade über die Digitalisierung ihres Geschäfts.

Es gibt dafür gar ein hausinternes Vorbild: Die Art Basel blüht trotz Internet, weil sie sich ständig und in Verbindung mit der lokalen Kunstszene modernisiert und neu erfindet. Davon kann sich die «Basel World» ein Stück abschneiden. Ein Kulturereignis zu werden, inspiriert und mitorganisiert von der hiesigen Kreativwirtschaft, könnte die Zukunft der Uhren- und Schmuckmesse sein. Ein Ort, wo Designer und Tüftlerinnen, Modeschöpferinnen und Models, Künstler und Kuratorinnen, Investorinnen und Geschäftsleute nicht nur Handel treiben, sondern gemeinsam und markenübergreifend schöpferisch tätig sind, Entwicklungen kritisch hinterfragen, Technologien ausprobieren. Etwa in Symposien, öffentlichen Diskursen, Innovationswerkstätten, informellen Treffen (und nicht nur an abgeschirmten, martialisch bewachten «Cüpli»-Anlässen).

Noch zwei, drei Jahre tickt die Uhr der «Basel World». Bis dann muss sie sich völlig erfunden haben, um nicht in die Bedeutungslosigkeit abzusinken.