Die kuriose Debatte über den Doppeladler und die Sportler mit zwei Pässen macht es den 1.-August-Rednern leicht – der Steilpass zu den Themen Heimat und Identität ist gesetzt. Aber nicht nur Fussballfunktionäre und dauerempörte Nationalkonservative, auch Linke entdecken die Heimat neu. Auf die Wahlen hin soll ein Buch von Basler Politikern erscheinen, das uns den Patriotismus ganz sozialdemokratisch neu erklärt.

Umgekehrt fanden nicht wenige Exponenten der migrationskritischen Bundesratspartei die doppeladlerige Aufregung ihrer Nationalratskollegin aus Winterthur und des Zürcher Wochenblatt-Verlegers eher lächerlich, vielleicht auch, weil gerade in ihrer Partei binationale Ehen eben gar nicht so selten sind. Immerhin wissen jetzt alle Sportinteressierten und Hobbyhistoriker, dass der byzantinische Doppeladler sowohl auf den russischen Leibchen, im Wappen Serbiens, in der albanischen Flagge als auch in jedem dritten Schweizer Rathaus vorkommt.

Derart kindlich geht es in unseren Nachbarländern (leider) nicht zu. Das Migrationsthema sorgt für eine harte Regression in den Nationalismus, die deutsche Regierung wäre fast daran zerbrochen, Italien wird von den politischen Extrempolen regiert. Polemik und Leidenschaften dominieren die Politik, die Vernunft hat es schwer.

Gerade in solchen Zeiten zeigt sich der Wert des anstrengenden Schweizer Dauerpalavers zu jedem möglichen und unmöglichen Thema – siehe Doppeladler. Jedes Mal entsteht sofort eine landesweite Debatte, fast alle mischen sich ein, und manchmal resultiert gar eine Volksinitiative daraus. Alle paar Jahre stimmen wir über Migrationsthemen und das Verhältnis zum Ausland ab; alleine die Rechtsaussen haben drei Initiativen in der Pipeline – gegen die Bilateralen, das Völkerrecht und Schengen. Dreimal in kurzer Zeit werden die Vernünftigen gegen Isolationismus und Mythen antreten müssen.

Diese Dauerdebatte macht unseren rationalen Staat belastbar und fit. Mit sportlichem Einsatz besteht das geniale Konstrukt unserer Staatsgründer auch weiter, wenn ausserhalb die Rückkehr zu nationalem Egoismus und Kraftmeierei dominiert. Nicht weil wir klüger sind, sondern weil dank Föderalismus und direkter Demokratie, und insbesondere dank der breiten Machtverteilung und -begrenzung, Machtmissbrauch und Fehlentwicklungen früher erkannt werden.

Unsere Asylpolitik war vor einigen Jahren auch voller Fehlanreize, weltfremd und ineffizient – ich nannte sie kafkaesk – heute ist sie auf dem Weg zu Best Practice, nach dem Beispiel Hollands. Probleme lösen, statt bewirtschaften macht den Unterschied.

Das Rüpelhafte vor der Haustüre und auf der Weltbühne zeigt uns deutlich, wie wertvoll unser kleinteiliges Bottom-up-System ist, wo Wahrhaftigkeit und Wirksamkeit wichtige Elemente der Politik sind. Integrität macht auch den politischen Gegner zum geschätzten Kollegen, und Steuergelder dürfen nur sorgfältig und wirtschaftlich eingesetzt werden. Wo Macht und Polemik solche Tugenden verdrängen, sind dumpfer Nationalismus, Misswirtschaft und Ressentiments gegen Schwache und Andere nicht weit. Darauf können wir mit unseren vier Landessprachen, 26 Kantonen und unzähligen Lokalkulturen auch in Zukunft getrost verzichten.

Mit dem täglichen Engagement für Respekt, Vernunft und Mitmenschlichkeit wird uns das weiterhin gelingen.