Horst Seehofer, deutscher (Noch-)Innenminister, redet sich derzeit um Kopf und Kragen. Nachdem er zu den Vorfällen in Chemnitz viel zu lange geschwiegen hatte, keine Worte fand für den Aufmarsch von Neonazis, deren Übergriffe auf Ausländer, Andersdenkende und Journalisten und damit zuliess, dass die ostdeutsche Stadt plötzlich als braune Ursuppe gilt, präsentierte er nun seine Antwort: Die Migration sei die «Mutter aller Probleme». Die Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, sind demnach schuld am wirtschaftlichen Krebsgang der neuen Bundesländer, an den enttäuschten Hoffnungen der Menschen, deren Fortkommen entgegen allen Verheissungen stagniert, an Entfremdung und der enthemmten Politik von rechts, die sich ungeniert am Vokabular längst vergangen geglaubter Zeiten bedient. Was Seehofer, der Parteipolitiker, aber eigentlich meint: Die Migration ist schuld am Aufstieg der AfD – und am Niedergang der CSU. Er hat die bayrischen Landtagswahlen vor Augen und kein Interesse daran, sich wie ein Staatsmann und Mitglied der deutschen Regierung zu verhalten.

Nicht die Flüchtlinge sind das Problem. Sondern Politiker, die ihren Job nicht machen. Nämlich auf die Ängste und Sorgen der Menschen genauso einzugehen wie jeder totalitären und ausgrenzenden Ideologie entgegenzutreten. Überall. Seehofer ist da beileibe keine Ausnahme. Und im erschreckend schnell wachsenden Heer der Grenzverschieber auch nicht besonders auffällig. Neu ist bloss, dass da einer aus der einigermassen mittigen Politelite in atemberaubendem Tempo nach rechts driftet.

Mit den Ausländern hat diese Entwicklung nichts zu tun

Das Kalkül, der AfD so Wähler abjagen zu können, wird nicht aufgehen. Niemand wählt die Kopie, wenn er das Original haben kann. Das ist in der Schweiz nicht anders, wo die bürgerlichen Parteien mit SVP-Rezepten noch nie reüssieren konnten. Der Unterschied: Die SVP ist fest eingebunden ins sich selbst regulierende schweizerische Politsystem, während die AfD mittlerweile immer unverfrorener (und ungestraft) nazistisches Gedankengut vertritt. Dass eine solche Partei in den Umfragewerten sogar vor der SPD liegt, hätte man sich bis vor kurzem nicht vorstellen können.

Dafür aber den Ausländern die Schuld zu geben? Nein, mit denen hat das nichts zu tun. Die Rückkehr des Nationalismus, das Erstarken der Rechten und die Wiederkehr der autokratischen Herrscher von Putin über Orbán bis Erdogan, die Wahl eines mental und intellektuell herausgeforderten US-Präsidenten, haben hausgemachte Gründe. Menschen fühlen sich, zu Recht oder zu Unrecht, ausgegrenzt, chancenlos, abgehängt. Im Stich gelassen von jenen, die sie gewählt haben. Sie sehen eine Elite, die sich hauptsächlich um sich selber kümmert und ihnen ausser Sonntagspredigten wenig zu bieten hat. Sie sehen eine erstarrte Gesellschaftsordnung, in der jeder seine Pfründe verteidigt und sein Haben als persönliches Grundrecht betrachtet.

Die zunehmende Vereinzelung und damit Entsolidarisierung in der Gesellschaft führt zu Verunsicherung. Das Gegenmittel: Abgrenzung, als Land, als Gruppierung. Und plötzlich sind «Wir» wieder besser als «Die». Wir Schweizer besser als die Deutschen, wir Weissen besser als die Schwarzen, wir Christen besser als die Muslime, wir Männer besser als die Frauen. Genau auf dieser Klaviatur spielen AfD und Konsorten.

Parallelwelten voller Hass und Desinformation

Bedenklich ist der Widerhall, der solches Gedankengut findet. Dabei spielen sicher das Internet und die sozialen Medien eine Rolle. Statt einer Austauschplattform, die das gegenseitige Verständnis fördert, sind Parallelwelten entstanden, in denen Hass wuchert und Desinformation betrieben wird. Und längst nicht mehr nur von einigen Spinnern, sondern von Demagogen mit klaren politischen Zielen. Das Schlimme daran: Die Anzahl der Menschen, die jede noch so absurde Behauptung und jedes noch so manipulierte oder in ganz anderem Zusammenhang entstandene Video als Beweis akzeptieren, wächst und wächst. Behauptungen und Gefühle sind Trumpf. Alle, die auf Fakten beharren, gehören dem «System» an oder sind gleich Teil einer weltumspannenden Verschwörung.

«Wir sind mehr» lautete das Motto der grossen Gegendemo in Chemnitz. Ja, das sind wir. Noch. Aber wir, die wir links, mittig oder konservativ eingestellt sein können, bleiben es nur, wenn «wir» endlich aus dem gemachten Nestchen steigen. Nicht einfach für eine Kundgebung, sondern täglich. Hinschauen, das Gespräch suchen, Hilfe leisten, sich politisch engagieren. Für jene, die sich an den Rand gedrängt fühlen. Für Migranten. Für den demokratischen Rechtsstaat und die freie westliche Gesellschaft, in der wir bisher leben durften. Denn die wahre Mutter aller Probleme ist unsere Passivität.