«Die vielen negativen Berichte über unsere Welt machen mir (w, 28) zu schaffen: Die bevorstehende Klimakatastrophe und die tatenlosen Politiker, der zunehmende Fremdenhass, Antisemitismus in Frankreich und der frauenverachtende Trump mit seiner lächerlichen Mauer. Meine Kolleginnen sagen mir, ich mache mir viel zu viele Gedanken. Was meinen Sie dazu?»

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Ich stimme Ihnen zu: Es gibt wirklich viel Negatives in der Welt. Ihre Liste könnte ich problemlos verlängern: Plastik in den Ozeanen, der neue brasilianische Präsident etc. Auf diese Weise könnten wir uns spielend leicht zu zweit in den Strudel der negativen Weltsicht fallen lassen. Ob das für uns oder die Opfer der schlimmen Entwicklungen hilfreich wäre? Ich bezweifle es.

Nie waren wir so gut über die Geschehnisse in der Welt informiert wie heute. Dass wir dabei in Angst geraten, ist nicht verwunderlich. Wir sind sehr gefordert, mit ihr auf eine förderliche Art umzugehen. Sich keine Gedanken dazu zu machen, wie es Ihnen empfohlen wird, wäre viel zu einfach. Es hiesse, die Wirklichkeit wegzuschieben. Im heutigen Unterhaltungs-Zeitalter bieten sich dazu viele Möglichkeiten an: Wir können uns mit Youtube-Filmen, der täglichen Fussball-Berichterstattung, Konsum ohne Ende, Drogen etc. regelrecht zudröhnen. Wenn wir die Bedrohungen verdrängen, können wir aber auch nicht zu Lösungen beitragen. Wir würden den Kopf in den Sand stecken in der Hoffnung, nicht mit der Welt zusammen unterzugehen. Die Angst wäre damit zwar weniger spürbar, aber die Bedrohung würde davon nicht kleiner. Andererseits besteht die Gefahr, dass die vielen bedrohlichen Nachrichten uns völlig überfluten. Die dabei entstehende Angst kann uns vereinnahmen und in einen Schockzustand versetzen, in dem wir nicht mehr handlungsfähig sind. Wir fühlen uns schutzlos ausgeliefert, sehen nur noch schwarz, wie Sie es beschreiben, und fühlen uns völlig ohnmächtig, uns aktiv mit dem Bedrohlichen auseinanderzusetzen.

Wie kann man berechtigte Angst bewältigen? Dazu fällt mir die Geschichte vom buddhistischen Mönch ein, der während des Vietnamkrieges in einem abgelegenen Spital mitten im Kriegsgebiet arbeitete und mit grauenhaftem Leiden konfrontiert war. Um seine Seele zu retten, wie er sich ausdrückte, nahm er jeden Morgen zehn Bohnen in die rechte Hosentasche; in jedem schönen Moment – wenn ein Kind lächelte, eine Behandlung gelang, es eine wohltuende Mahlzeit gab – legte er eine Bohne von der rechten in die linke Hosentasche. War die linke Tasche am Abend voll, bedankte er sich mit einem Lächeln für die schönen Momente. Fehlten ihm noch ein paar Bohnen, überlegte er so lange, bis ihm weitere schöne Erlebnisse in den Sinn kamen. So fand er die Kraft, weiter zu arbeiten.

Vielleicht könnten auch Sie Ihre Wahrnehmung vermehrt auf positive Meldungen aus der Welt lenken. Zu realisieren, dass es in Frankreich auch entschlossene Demonstrationen gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gibt oder dass im Herbst so viele Frauen ins Repräsentantenhaus der USA gewählt wurden wie noch nie, könnte Sie vielleicht dazu beflügeln, selber vermehrt aktiv zu werden: Sie könnten sich einer Gruppierung anschliessen, die sich – und sei es auch nur im Kleinen, Konkreten, in der eigenen Umgebung – dafür einsetzt, die Welt zu verbessern. Ihr Engagement für die Welt bliebe dann nicht beim blossen Gedanken-Machen stehen, und Ihre Kolleginnen bräuchten sich um Sie keine Sorgen zu machen.