Der Basler Gewerbeverband, ferngesteuert von Vorstands-Funktionären, die grossmehrheitlich ausserhalb der Stadt zu Hause sind, glaubt an folgendes Märchen: Es war einmal eine Industriemetropole, dominiert von lauten, dreckigen und stinkenden «Piranha-Zonen». So nennt Gewerbedirektor Gabriel Barell Quartiere mit viel Gewerbe. Weil niemand dort leben wolle, sei es besser, «Wohngebiete klar von Gewerbezonen zu trennen».

Dieses Konzept sei auch zwingend für den neuen Stadtteil Lysbüchel im Norden Grossbasels. Morgen berät das Kantonsparlament darüber. Sollte der Rat dabei die räumliche Trennung von Arbeiten und Wohnen verweigern, will der Gewerbeverband das Referendum ergreifen. Dabei blendet er aus, dass Mischnutzungen in der Geschichte unserer Stadt nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel sind.

Die Chemiearbeiter des letzten Jahrhunderts lebten mit ihren Familien weder in Reinach noch in Riehen, sondern in Kleinhüningen und im St. Johann – in Sicht- und Riechweite von Ciba, Geigy und Sandoz. Lastwagen mit Lösungsmitteln knatterten an ihren Wohnzimmerfenstern vorbei. Schlote rauchten, Schiffe hornten, und die Kinder schliefen zur Tonspur scheppernder Güterzüge ein. Dafür gelangten die Schichtarbeiter zu jeder Tages- und Nachtzeit auf kurzen Wegen in die Fabrik.

Ich bin weit davon entfernt, diese Vergangenheit zu idealisieren. Das Leben in Lärm und Gestank war ungesund. Die Chemie-Kader flohen deshalb aufs Land. Und erfanden so das Autopendeln: In klobigen Karossen kreuzten sie jeden Morgen vor den Werkstoren auf.

Doch die Erde hat sich weiter gedreht: Seit der Jahrhundertwende kehren die Kader in die Kernstadt zurück. Die Luft ist sauberer und die Quartiere sind wohnlicher geworden. Weshalb? Weil moderne Fassaden, Filter und Fenster Schall und Rauch wirkungsvoll von der Umgebung fern halten. In den Hinterhöfen Basels investierten Spenglereien, Autowerkstätten, Bäckereien und Metallbaubetriebe zu Hauf in Lärmschutz und Luftreinhaltung. Auch wenn es weiterhin Verbesserungsbedarf gibt, leben zahlreiche Gewerbler gut und gerne mit ihren Nachbarn zusammen – und umgekehrt.

Lärmprobleme verursachen heute eher stark befahrene Strassen oder das Freizeitverhalten von Nachtschwärmern als das Gewerbe. Auf dem 12 Hektar grossen Transformationsareal Lysbüchel ist die sprichwörtliche «Stadt der kurzen Wege» zum Greifen nahe. Es soll hier ein Modellquartier entstehen, in dem Wohnen, Arbeiten und Freizeit zusammenrücken und gemeinsam eine hohe Lebensqualität bieten. Wo heute bloss ein paar Schrottplätze vor sich hin dümpeln, sollen bald 2000 Menschen und mindestens ebenso viele Arbeitsplätze entstehen.

Diese Aufwertung ist auch wirtschaftlich attraktiv. Das anstehende Investitionsvolumen liegt bei weit über einer Milliarde Franken. Und die neu angesiedelten Haushalte werden beim hiesigen Gewerbe einkaufen. Mit seiner Referendumsdrohung hat sich Gabriel Barrel argumentativ verrannt: Dass ausgerechnet der Gewerbeverband das Gewerbe schlechtredet, ist schon mal nicht besonders fair. Zudem brandmarkt er die traditionelle Basler Mischnutzung als Teufelszeug, nur um einer Handvoll Lotter-Betriebe auf dem Lysbüchel beizustehen, die nicht in Schalldämmung investieren wollen.

Eine zehnjährige Planung aus Prestigegründen zu pulverisieren, können nur fernab von Basels urbaner Realität lebende Märchenonkel wollen. Lieber Gewerbeverband: Bitte erwachen! Besser spät als nie.