«Mein 11-jähriger Sohn beisst mit seinen oberen Schaufeln direkt auf die unteren. Korrigiert sich ein solcher Fehlbiss mit dem Alter von alleine ein oder müsste das abgeklärt werden?»

Bei Kindern und Jugendlichen sollte ein solches Aufbeissen durch den Zahnarzt oder Kieferorthopäden beurteilt werden. Beim Heranwachsenden hat das Gesichtsskelett ein bedeutendes Wachstumspotenzial. Die kindlichen Gesichtsproportionen haben sich erst mit Abschluss des Wachstums mit 18-21 Jahren zur definitiven Gesichtsform entwickelt. Die Kiefer wachsen dabei nach vorne und unten und lassen so die untere Gesichtshälfte markanter erscheinen. Das genaue Ausmass dieses Vorgangs ist im Voraus nicht zu bestimmen. Allenfalls können Tendenzen im familiären Umfeld beobachtet werden, da Wachstumsmuster zu einem grösseren Teil vererbt werden.

Bei Ihrem 11-jährigen Sohn besteht also die Möglichkeit, dass sich der leichte Fehlbiss in den nächsten Jahren unter dem Einfluss des zu erwartenden Wachstums noch deutlicher ausgeprägt und sich die Zahnreihe des Unterkiefers markant vor die Oberkieferbezahnung positioniert. Im ungünstigsten Fall können Zähne und Kiefergelenke überlastet und geschädigt werden. Bei einem ausgeprägten Fehlbiss sind Probleme beim Kauen oder Sprechen nicht auszuschliessen. Auch können ästhetische Probleme eine nicht zu unterschätzende Bedeutung erlangen. Ausgeprägte Kieferfehlstellungen treten bei rund fünf Prozent der Bevölkerung auf, weniger ausgeprägte Formen sind aber wesentlich häufiger.

Für die Entwicklung eines Fehlbisses sind verschiedene Faktoren verantwortlich. Häufig liegt ein genetisch fixierter, abweichender Wachstumsprozess vor. Kieferbrüche, speziell im Kindesalter, Erkrankungen des Nerven-Muskelsystems, Infektionen oder Tumoren sowie eine chronische Mundatmung können ebenfalls Ursachen eines Fehlbisses sein. Und nicht zu vergessen: Daumenlutschen während des Zahndurchbruchs.

«Ist mit dem Tragen einer Zahnspange garantiert, dass sich die Fehlstellung korrigiert?»

Garantien kann man nicht abgeben, zumal der Einfluss des Wachstums und andere Faktoren nicht sicher zu prognostizieren ist. Wichtig sind eine fundierte Analyse und ein individueller Behandlungsplan. Die Entstehung eines Fehlbisses kann grundsätzlich auf zwei Ebenen stattfinden: Einerseits kann ein Fehlbiss die Zähne und den umgebenden zahntragenden Knochen betreffen (= dentoalveoläre Ebene), anderseits die Kieferknochen (= skelettale Ebene). Meist liegen Mischformen vor. Die einfacheren Formen eines Fehlbisses können mit kieferorthopädischen Apparaturen sehr gut behandelt werden. Je nach Behandlungskonzept kommen abnehmbare oder festsitzende Zahnspangen zur Anwendung.

«Wann müsste man über einen kieferchirurgischen Eingriff nachdenken?»

Ein Kieferorthopäde kennt die Möglichkeiten und Grenzen einer «Spangenbehandlung» genau. Ein stark ausgeprägter Fehlbiss auf skelettaler Basis lässt sich nur mit einem kombinierten, kieferorthopädisch-kieferchirurgischen Konzept korrigieren. Zeichnet sich ein interdisziplinäres Konzept unter Einbezug der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ab, wird der Kieferorthopäde den Patienten frühestmöglich einem Kieferchirurgen vorstellen. Es gilt, Erwartungen und Möglichkeiten früh zu besprechen und einen Zeitplan für den Behandlungsablauf aufzustellen. Wichtig ist abzuklären, ob die Invalidenversicherung für die sehr teure Behandlung aufkommen wird. Sie ist allerdings nur für Patienten bis zum 20. Altersjahr zuständig.

 

*Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Christoph Kunz ist Chefarzt Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Universitätsspital Basel.