Mit den Schulferien kommt auch die Hitze in die Region. Hitzig waren schon vorher manche Gespräche. Die nervigste Sache war dabei nicht mal die Diskussion über Doppeladler und Doppelpass. Sondern die Podiumsleiterin an einem Medienanlass, die alles andere machte als das Podium zu leiten. Sie hatte sich offensichtlich verschluckt an der positiven Berichterstattung über ein Helene-Fischer-Konzert in dieser Zeitung. Anbiederung sei das, keine Kultur und überhaupt.

Ich bin kein Helene-Fischer-Fan. Drum las ich den Artikel erst nach diesem Totalverriss und Rundumschlag. Der Artikel ist gut geschrieben. Er ist überraschend. Eine Schlagerverächterin entdeckt unerwartet Begeisterndes an der angesagtesten deutschen Sängerin. Und steht dazu. Das beeindruckt mich. Ich habe nie verstanden, warum eine Zeitung einen Opern-Kritiker an DJ-Bobo-Konzerte schickt (ich bin nicht DJ-Bobo-Fan) und dieser den Musiker und sein Publikum als dumm hinstellt. Einen DJ-Bobo-Experten über eine Oper schreiben zu lassen fände ich dagegen ein spannendes Experiment.

Könnte es sein, dass ein grosser Anteil der Hoch-Kultur-Kritiker im Grunde tief unglückliche Menschen sind? Wenn ich es richtig sehe, dann sind die Hoch-Kultur-Kritiker auch nie zufrieden mit der Hoch-Kultur. Wenn sie selbst es nie geschafft haben, gross herauszukommen, dann sollen es andere auch nicht.

Überhaupt ist jeder Erfolg verdächtig. Was vielen gefällt, muss alleine schon deshalb schlecht sein. Dasselbe gilt dann für Theater, Kunst und Literatur. Liebe Rezensenten und Kritikerinnen: Ich will nicht wissen, was alles schlecht ist. Ich habe gar keine Zeit dafür. Es ist viel schwieriger etwas wirklich Gutes zu finden. Gebt mir Tipps, was sich lohnt!

Dazu kommt noch die «Demokratisierung» der Kritik. Jeder und jede (ich vermute allerdings stark, dass mehr Männer herumtrollen) kann Online-Kommentare und Bewertungen abgeben. Alles steht gleichwertig nebeneinander. Ist es ein Zufall, dass parallel dazu die Demokratie bedroht ist wie lange nicht mehr?

Wer heute seine Meinung nach reiflicher Überlegung äussert und einräumt, dass er sich trotz allem auch einmal irren könnte, wird gar nicht mehr gehört. Wir wollen die Fetzen fliegen sehen und das Blut spritzen. Der Boulevard bezeichnet jedes Fussballspiel im Vornherein mindestens als «Kracher» und jeden XY-Prominenten als «Star». Kein Mensch hört mehr auf wirkliche Experten, weil jeder Schwätzer sich selbst als Experte sieht. Es gibt keine einigermassen verlässliche Skala mehr. Eine halbwegs ernst zu nehmende Diskussion über Doppelbürgerschaft müsste sich mal damit auseinandersetzen, dass der wichtigste Denker des christlichen Glaubens, Paulus, doppelter Doppelbürger war. Während Sie jetzt darüber nachdenken, was das bedeutet, freue ich mich auf Ferien und einen hoffentlich unbeschwerten Fussball-Abend. Wenn wir uns nicht an den einfachen Dingen freuen können, sind wir für die wichtigen Fragen des Lebens nicht bereit. Und da gibt es einige.