Kürzlich las ich den denkwürdigen Satz, die verkürzten Geschäftszeiten am Samstag dienten «der Einstimmung auf das Wochenende und dem Privatleben». Das steht nicht in einem fürstbischöflichen Dekret, sondern im Bericht jener Kommission, die sich mit dem Dauerbrenner der lokalen Politik beschäftigt, den Ladenöffnungszeiten. Nach harter Diskussion hat sich das Plenum allerdings knapp für eine moderate Ausdehnung entschieden.

Voraussichtlich muss nun wegen einem Referendum einmal mehr die gesamte Stimmbevölkerung darüber befinden, ob im Kern der trinationalen Regio Basiliensis am Samstag bis maximal 18 oder 20 Uhr geschäftet werden darf.

Viele Zugezogene fragen sich, weshalb das Thema ausgerechnet im urbanen Zentrum der vielfältigen Region so hitzig bewirtschaftet wird. Rund um die 37 Quadratkilometer Kernzone Basel-Stadt sind die Regelungen grosszügiger - in den meisten Herkunftsregionen sowieso. Ostdeutsche fühlen sich in Basel an die restriktive DDR erinnert. Was sorgt hier für den Furor?

Die Argumente der Liberalisierer und Restriktiven können dies nicht wirklich erklären. Zwei Stunden mehr oder weniger Zeit werden weder den Einzelhandel retten, noch auf das Wochenende einstimmen oder gar dem Privatleben dienen. Wer wirklich gut geschäftet, hat Kunden. Und niemand braucht eine verordnete Einstimmung, erst recht nicht für’s Privatleben. Gerade bei den Grenzgängerinnen und Studenten sind Einsätze am Wochenende beliebt; sie bringen mehr ein und erlauben eine antizyklische Wochenplanung.

Es muss um Tieferes gehen. Da die Kirchenglocken in Anlehnung an den Schabbat am Samstagabend um 18 Uhr den Tag des Herrn einläuten, erhält diese Zeit eine sakrale Bedeutung. Seit Kaiser Konstantin 325 in Abgrenzung zur jüdischen Mutterreligion den Sonntag als Feiertag fixierte, gilt das so. Daran konnten auch die zwei grossen Revolutionen nichts ändern, sowohl in Frankreich als auch in Russland war die Kraft der Tradition stärker.

Allerdings haben sich die historischen Positionen umgekehrt. Während die Israelitische Gemeinde einen Eruv einrichten will, um die Einhaltung der Schabbatregeln innerhalb der Kernstadt zu vereinfachen, und der Pfarrer der Offenen Kirche Elisabethen in dieser Zeitung regelmässig zu Kulinarik und freudvoller Gastronomie schreibt, haben die vermeintlich Aufgeklärten die fromme Strenge entdeckt.

Der Pietismus ist quasi aus dem Münster ins Rathaus gewandert, wo einst mit radikalem Liberalismus der Einfluss der konservativen Kirche bekämpft wurde. Für die Linken ist die Religion offenbar nicht mehr Opium, sondern Taktgeberin, und die Bürgerlichen, zum Teil noch Kirchen-affin, versuchen etwas Realitätsnähe in die alten Gesetze zu bringen. Diese erinnerten ihn an die Welt seiner Grossmutter, die im Lädeli nur zu bestimmten Zeiten einkaufen durfte, sagte mir ein Innerschweizer.

Vielleicht sollte das Ganze neu gedacht werden, unter Beizug der Religionsgemeinschaften, Historiker und Volkskundlerinnen, am besten gleich im Kontext zum neuen Museumskonzept. Gelebte Geschichte im Nabel der boomenden Region.