Heute verrate ich ausnahmsweise eines meiner bestgehüteten Geheimnisse. Sagen Sie’s nicht weiter: Ich habe einen Kurs in Improvisationstheater besucht. Da werde ich unter kundiger Anführung dazu verleitet, alle Filter, mit denen wir sonst so durchs überorganisierte Leben gehen, abzulegen. Es gibt ganz unterschiedliche Spiele und ständig wechselnde Situationen.

Das Publikum (die Spielleitung oder Mitspieler, die gerade nicht auf der Bühne sind) gibt Orte, Rollen und Emotionen vor. So wird sichergestellt, dass niemand irgendetwas vorher Präpariertes abspulen kann. Da stehst du plötzlich als Schuhverkäufer in einem – völlig fiktiven – Laden und eine Kundin, die sich als äusserst kompliziert erweist, sucht Schuhe für ihren Gartenzwerg. Das ist eine relativ einfache Vorgabe, denn die allermeisten Leute sind mal in einem Schuhladen gewesen und eine schwierige Kundin hat jeder zumindest als heimlicher Zuhörer erlebt. 3-2-1-Los!

Da fällt mir ein, dass mein Vater mal für eine Airline einen schwierigen Passagier spielen musste und wir als Familie fragten: «Inwiefern warst du denn anders als sonst?» Sie sehen: Impro-Theater kann sehr heiter sein. Wir lachten also viel miteinander und übereinander und am öftesten über uns selbst. Ich fand mich plötzlich in einer gemischten Sauna wieder (ich war, so erstaunlich das klingt, noch nie in meinem Leben in einer Sauna). Alleine die Vorstellung brachte mich so ins Schwitzen, dass es schon fast echt wirkte. Neben viel Spass habe ich aber auch Dinge gelernt, die ich im Alltag gut brauchen kann. Etwa, dass ich Vorlagen und Ideen eines Mitspielers begeistert aufnehmen soll. Also nicht sagen: Neinnein, ich bin nicht der oder dies, sondern einfach drauf eingehen - «Ja genau!». Da merke ich, wie kritisch ich normalerweise neue Ideen anhöre und gleich mit Bedenken reagiere. Es ist befreiend, etwas ganz Verrücktes zuzulassen und weiterzuspinnen. Nicht immer wird etwas Verwertbares draus, aber oft hilft es aus dem gewohnten Trott herauszukommen.

Etwas anderes ist das «Definieren». Beim Improvisieren ist es hilfreich für die Mitspielerinnen und das Publikum, wenn sie möglichst schnell verstehen, wer ich bin, wo ich bin, mit welchen Emotionen und was mein Status gegenüber den anderen ist. Im Alltag kann das heissen, dass ich sage: Ich bin leicht gereizt heute, weil ich Rückenschmerzen habe, das hat nichts mit dir zu tun. Oder an einer Sitzung: Ich brauche jetzt 10 Minuten Pause, ich muss meinen Kopf durchlüften. Manchmal hast du beim Spielen einfach keine gute Idee und findest dich selbst ziemlich peinlich. Nach einer Minute kommt ein anderes Spiel, eine völlig neue Situation. Sofort abhaken und etwas Neues versuchen. Fehler und Versagen sind erlaubt.

Ich werde weiter Impro-Theater machen. Es hilft auch gegen Burn-Out und Frust, da bin ich sicher. Im-Präventions-Theater. Das lasse ich patentieren. Jetzt sind Sie dran. Ort: Mars-Station. Wer: Ein Paar auf Hochzeitsreise. 3-2-1-Los!