Ein heisser Sommer neigt sich langsam dem Ende zu, Festivals wie etwa «im Fluss: das Floss» konnten zur Freude der vielen Gäste ihre ganze Wirkung entfalten. Wann erhält Floss-Kapitän Tino Krattiger die offizielle Anerkennung für dieses grossartige Projekt? Umgekehrt setzten 20 Maskierte den neuen Tiefpunkt in Sachen Gastfeindschaft. In FCB-Tücher gehüllt hat die Horde griechische Gäste in ihrem Hotel überfallen und randaliert. Späte Reaktion vom Club: bedauerlich, von Politik und Gesellschaft: nichts.

Im nationalen Politbetrieb hat die Wärme auch nicht allen gutgetan. Der Bundesrat und die Sozialpartner sind nicht (mehr) in der Lage, ihre Positionen für die Verhandlungen mit der EU abzustimmen. Leserumfragen zeigen einmal mehr, dass die Bevölkerung vernünftiger ist. Sie wäre im Interesse guter Wirtschaftsbeziehungen bereit, in Einzelfragen Kompromisse einzugehen.

Der Schweizer Politbetrieb leidet unter Reformstau und Denkblockaden. Das führt dazu, dass wir uns auf Kosten der nächsten Generationen Versäumnisse leisten, Stichwort AHV-Reform.

Dieser Mangel an gemeinsamem Verantwortungsgefühl muss grundlegend angegangen werden, sonst verliert unsere vielgestaltige, mehrsprachige Schweiz ihren Spitzenplatz punkto Kohäsion und Behördenvertrauen. Die heutige Aufteilung von Rechten und Pflichten stammt aus der Nachkriegszeit, als die Lebenserwartung um eine Generation kürzer und die Rollenteilung ländlich geprägt waren. So sind heute die Niedergelassenen in den meisten Kantonen vom Stimmrecht ausgeschlossen, und nur erwachsene Männer mit Schweizer Bürgerrecht sind dienstpflichtig. Die Jungen sind einzig in Glarus politisch mündig - ab 16. Gleichzeitig verschiebt sich das Durchschnittsalter Richtung 50 und die Lebenserwartung gegen 90.

Es braucht eine neue, grosse Klammer. Die Gleichheit von Rechten und Pflichten muss wieder die gesamte Kerngesellschaft umfassen: Frauen, Männer, Niedergelassene und die Jungen ab 16. Für sie alle ist ein Landesdienst vorzusehen, am Stück oder gestaffelt leistbar in den verschiedenen Landesteilen – in den Bereichen Sicherheit, Soziales, Umwelt und Berglandwirtschaft . Weshalb sollen die Kompetenzen von Jungen, Frauen und Niedergelassenen – zusammen über zwei Drittel der Bevölkerung – nicht abgerufen und solidarisch eingesetzt werden? Und sie von solchen Erfahrungen ausgeschlossen werden?

Weshalb sollen sich interessierte 16- und 17-Jährige politisch nicht einbringen dürfen, obwohl sie von vielen Entscheiden stärker betroffen sind als Senioren und Betagte? Niedergelassene waren früher die Hintersassen, auch sie sollen nicht nur Steuern zahlen, sondern sich einbringen. Man braucht vor ihnen keine Angst zu haben; dort, wo sie bereits das Stimmrecht haben (NE, JU, FR, VD, kommunal AR, GE, GR) sind keine Revolutionen ausgebrochen. Sie sind ein stabilisierender Faktor mit hoher Loyalität zu den Institutionen.

Übrigens lag das Stimmrechtsalter in der Innerschweiz im Mittelalter bei 14, in Schwyz ging man nie höher als 18, und in Glarus ist es eben wieder bei 16
– mit ausschliesslich positiven Erfahrungen.

*Der Autor ist Agronom, er berät Behörden und Firmen. Zuvor war er Basler Kantons- und Stadtentwickler, vorher Leiter der Integrationsstelle und von 1991 bis 1998 Basler Drogendelegierter. Seit Ende Januar wirkt Kessler zudem als publizistischer Beirat der bz.