Einen absurderen Titel gibt es nicht. Noch nie wurde ein Basler Haus von einer Lawine verschüttet. Dennoch sind alle hiesigen Grundbesitzer obligatorisch gegen die
Folgen eines Lawinen-Niedergangs auf ihre Liegenschaft versichert und bezahlen auch dafür. Die Prämie liegt gleich hoch wie in Andermatt, Andeer oder Adelboden.

Die obligatorische Naturgefahren-Versicherung vereint seit den 50er-Jahren die Schweiz zu einer Schicksalsgemeinschaft. Alle tragen die Schäden der anderen mit. Die Besiedlung der Bergtäler wäre ohne Solidarhaftung zu riskant. Teile von Ascona, von Sarnen oder der Berner Matte liegen in Überschwemmungsgebieten, die mit risikogerechten Versicherungsprämien kaum nutzbar wären.

In Basel gehen die wahren Gefahren von latent drohenden Erdbeben aus. Die nächste Erschütterung in gleicher Stärke wie vor wenigen Tagen in Italien wird so bestimmt kommen wie das Amen in der Kirche. Ob wir Heutigen diesen Schock erleben, ist offen. Die Wahrscheinlichkeit ist morgen oder übermorgen gleich gross wie in 100 oder 1000 Jahren. Deshalb werden neue Gebäude mit Millionenaufwand auf Erdbebensicherheit getrimmt und alte – wie demnächst die Kaserne – beim Umbau teuer nachgerüstet.

Seit Jahren diskutieren Politikerinnen und Politiker den Einbezug des Erdbebenrisikos in die obligatorische Versicherung. Die Preiserhöhung für alle wäre minim. Sie läge bei 30 Franken für ein mittleres Reihenaus im Neubad. Eine entsprechende Einzelpolice kostet heute fast 1000 Franken pro Jahr, weshalb fast niemand versichert ist.

Gegen die solidarische Erdbebenversicherung argumentiert beispielsweise die Thurgauer Regierung sinngemäss so: «Weshalb sollen alle Schweizer wegen der Erdbebengefahr, die ein paar Basler und Walliser betrifft, höhere Prämien entrichten?» Weil einzelne Kantone auf stur stellen, ist eine vernünftige Lösung seit zehn Jahren blockiert.

Nicht einmal der Hinweis darauf, dass beide Basel klaglos die Folgen von Überschwemmungen in Arbon oder eines Steinschlags in Alpnach mitfinanzieren, löste bei den Thurgauern ein Umdenken aus. Ein neues Argument aus unerwarteter Quelle könnte den Knoten lösen: Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die im runden Hochhaus beim Bahnhof SBB zu Hause ist, hat kürzlich das Risiko von Naturkatastrophen für die wirtschaftliche Entwicklung untersucht. Das Gutachten kam zum Schluss, dass die Folgen von starken Erdbeben sich nicht auf die lokalen Schäden beschränken. Fast ebenso gravierend ist der volkswirtschaftliche Effekt. Am Beispiel Basel könnte dies bedeuten: Wenn die hiesige pharmazeutische Industrie über Wochen und Monate mit Wiederaufbau beschäftigt ist und nicht mehr exportieren kann, fällt schlagartig bis zu einem Viertel der Schweizer Exporte weg. Und dann guckt auch der Thurgau in die Röhre.

Regierungen und Abgeordnete der Nordwestschweiz sollten jetzt aktiv werden. Unter dem gedankenlosen Druck einzelner Mittelland-Kantone haben Bundesrat und Parlament in der Vergangenheit gegen uns entschieden. Das darf sich nicht wiederholen.