Ein Zuschauer regte sich furchtbar darüber auf, dass das Fernsehen SRF eine Reportage über arabische Touristen in der Schweiz zeigte. Ihre Zahl nimmt zu, und die Frauen sind meist verschleiert. Der Zuschauer reichte eine Beanstandung ein mit dem Argument, der Film habe die Verschleierung salonfähig gemacht. Das war natürlich nicht der Fall. Die Reportage zeigte vielmehr den Zwiespalt auf zwischen jenen, die wirtschaftlich an möglichst vielen arabischen Besuchern interessiert sind, also der Tourismusbranche, und jenen, die sich an der Verschleierung stossen.

Die Verschleierung ist in der Tat umstritten, und in der Schweiz werden Volk und Stände darüber abzustimmen haben. Denn Mitte September ist die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» eingereicht worden, die verlangt, dass im öffentlichen Raum niemand sein Gesicht verhüllen darf. Letztlich will die Initiative eine Art Uniformierung der Bekleidungssitten. Sie würde zwar Hijab und Tschador, die das Gesicht freilassen, weiterhin erlauben, aber den Niqab, der nur einen Schlitz für die Augen vorsieht, die Bushiya, bei der das Gesicht hinter einem Schleier versteckt ist, und die Burka, die das Gesicht hinter einem Gitter verbirgt, untersagen.

In Europa konnte sich seit langem jedermann nach seiner Façon kleiden. Es gibt zwar Modetrends, aber keine Uniformierung. Uniformen und Amtskleider sind jenen Personen vorbehalten, deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dienstleistung oder einem bestimmten Engagement erkennbar sein soll – beispielsweise Kondukteuren, Polizistinnen, Soldaten, Stewardessen, Kellnern, Krankenschwestern, Mitgliedern einer Blaskapelle oder Angehörigen der Heilsarmee. Uniformen machen alle gleich, jedenfalls jene auf der gleichen Dienstgrad-Stufe: Ob einer studiert hat oder ob er Mechaniker ist – in Soldatenuniform sehen alle zum Verwechseln ähnlich aus; das Individuum verschwindet.

Das ist auch sinnvoll, weil bei den Uniformierten der erhaltene Auftrag zählt und nur in einem ganz engen Bereich die individuelle Entscheidung. Darum ist es auch richtig, dass Uniformen vor allem auf Organisationen beschränkt bleiben, die eine öffentliche Aufgabe wahrnehmen. Zumal verordnete Uniformen in der offenen Gesellschaft nicht in die Freizeit und nicht in die Privatsphäre gehören.

Wie eine uniformierte Gesellschaft aussieht, machten 1933–1945 in Deutschland die Nationalsozialisten vor: Sie steckten Jugendliche und Erwachsene in die Uniformen der Hitler-Jugend (HJ), des Bunds deutscher Mädels (BdM), der Sturm-Abteilung (SA), der Schutz-Staffel (SS), des NS-Kraftfahrer-Korps, der Wehrmacht und vieler anderer Organisationen mehr – alles im Namen der «Volksgemeinschaft». Die Gesellschaft war sichtbar gleichgeschaltet.

Solch Uniformzwang widerspricht dem Recht der Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben, auf ihre Individualität. Genau das wird jetzt teilweise eingeschränkt: Bereits haben Frankreich, Österreich und das Tessin Verschleierungsverbote erlassen.

Eine uniforme Tendenz wohnt auch dem Verfassungs- und Gesetzesvorschlag inne, den die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind nach der Therwiler Handschlag-Affäre vorgelegt hat. All das stellt die Gleichheit über die Freiheit.

Als Ludwig Erhard 1963 deutscher Bundeskanzler wurde, propagierte er die «formierte Gesellschaft». Ihm ging es um die schicksalhafte Verbundenheit aller mit allen, und da war gedanklich der Schritt zur «uniformierten Gesellschaft» nicht mehr weit, die niemand wollte, weil sie zu sehr an die Herrschaft der Nationalsozialisten erinnerte. Im Bundestag entgegnete Fritz Erler, Vorsitzender der Sozialdemokratischen Fraktion und Oppositionsführer, man brauche vor allem mal eine «informierte Gesellschaft».

Wie wahr: Wir brauchen informierte Menschen, aber keine, die uniformiert stramm stehen.