Werte sind wichtig. Das höre ich jeden Tag. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der sagte: «Nein, für mich sind Werte unwichtig. Ich habe keinerlei Werte. Wenn ich deshalb die Werte anderer mit den Füssen trete, Pech für die anderen. Und Pech für die Werte». Sogar der schamunfähige 45. Präsident der USA und der Godfather der Schweizer Politik vertreten eifrig Werte. Beim einen sind es jeden Tag oder gerne auch mitten im selben Satz wieder andere, solange sich alles um ihn dreht; bei unserem Multimilliardär ist es «das Volk», das allerdings noch immer nicht mehrheitlich wirkliche Dankbarkeit zeigt dafür. 

Das liegt sicher am Wertezerfall. Wir haben damals gelernt, schön «Danke» zu sagen, wenn uns jemand etwas geschenkt hat. Auch wenn uns das Geschenk von Grosstante Gundula gar nicht gefiel. Die heutige Jugend wird als «Generation G» in die Geschichte eingehen, die «Generation Gratis», die alles downloadete; News, Filme, Musik und virtuelle Freunde und nie etwas dafür bezahlte. Wir dagegen mussten für alles noch hart arbeiten, im Sinne von tagelang jammern und den Eltern auf die Nerven gehen und immer wieder behaupten: «Alle anderen haben das auch!» Natürlich gab es Taschengeld. Kluge Kinder brachten das Geld zur Bank, wo es sich Jahr um Jahr wunderbar vermehrte, weil die Bank damals noch etwas tat für die gerechte Behandlung der kleinen Klein-Sparer.

Ich war leider kein besonders kluges Kind und gab mein Geld immer gleich aus, zum Beispiel für Fussballerbildchen (deren Handelswert ganz schnell abnahm) und Audio-Cassetten, auf denen ich die perfekte Playlist zusammenschnitt, gratis aufgenommen während der Hitparade mit Frank Laufenberg auf SWF 3, die extrem viel cooler war als «Bestseller auf dem Plattenteller». Der Landrat in Baselland hätte mir das Taschengeld gekürzt, ohne Mitleid, weil ich so verschwenderisch war.

Es ist ja immer so gewesen, dass die, die viel haben, denen, die wenig haben, erklären, was sie mit ihrem Geld tun müssen. Darum kam dann Karl Marx und die 68er - Revolution, die ich aber verpasst habe, weil ich noch zu klein war. Hätte die Taschengeldaufsicht damals schon Detektive und Drohnen eingesetzt, wäre sicher lückenlos überwacht worden, was ich wieder Unsinniges anstelle mit dem Geld, statt nachhaltige Werte zu schaffen. Inzwischen ist es viel besser, Schulden zu machen, als zu sparen; zumindest für Reiche.

Wie funktioniert das denn? Pflegefachleute und Primarlehrerinnen können sich keine Wohnung in Stadtnähe mehr leisten, während einige wenige Leute so viel Geld auf fernen Inseln haben, dass sie deprimiert in ihren freud- und freundlosen Villen sitzen, weil es sich schneller vermehrt, als sie es ausgeben können. Aber wir werden weiterhin «die Werte» hochhalten. Mit Überzeugung. Auch wenn keinem ganz klar ist, welche Werte das eigentlich sind. «Christliche Werte!», sagte mir kürzlich einer. «Welche denn?», fragte ich neugierig. Nach langem Überlegen sagte er: «Pünktlichkeit!» Dazu sage ich nur: QWERTZUIOP.