In einem zungenakrobatischen Liedchen amüsiert sich Mani Matter 1970 über die neuste Bademode: den Bikini. Vreni und Stini unterhalten sich darin über ihren neuen Mini-Bikini. Ich erinnere mich, wie in den Siebzigerjahren nicht nur Bikini, sondern auch «Oben-ohne» und Nacktbaden plötzlich weitherum salonfähig geworden waren – und die Nord- und Mitteleuropäer/-innen zu Tausenden die Strände im Süden im Adams- und Evas-Kostüm in Beschlag nahmen. Sehr zum Unverständnis der lokalen Bevölkerung, die sich in ihren Werten infrage gestellt und beleidigt gefühlt hatte.

Wer sich Stummfilme aus den Zwanzigerjahren ansieht, der bekommt Badende in quer gestreiften Ganzkörperbadeanzügen zu sehen. Erinnert an Häftlingskostüme. Heute würde höchstens noch ein Clown so was anziehen oder (OMG – Oh my God!) ein Bräutigam am Polterabend in der Steinenvorstadt. Im 2016 ist ein weiteres Badekleid – der Burkini – zum Stein des Anstosses geworden. Der Ganzkörper-Badeanzug ist eine Neuschöpfung und will den Frauen einer strengen Ausprägung des Islams den Gang an den Strand ermöglichen. Mani Matter hätte, so er noch leben würde, bestimmt ein Lied dazu geschrieben. Und stünde gleich unter Rassismusverdacht.

Im Gegensatz zur Burka (eigentlich: Niqab) auf der Strasse lässt der Burkini das Gesicht offen. Das mag für wenige, radikale Muslime freizügig und an der Grenze der Sittlichkeit sein – wie für uns der Bikini vor 45 Jahren. Burkinis finde ich o. k., sie schützen nebenbei auch vor Hautkrebs. Für mich ist ein wesentlicher Unterschied, ob ich jemandem ins Gesicht schauen und darin seine Befindlichkeit «lesen» darf oder ihm bloss durch einen Augenschlitz begegne – wie dem Träger einer Roger-Staub-Mütze.

Als christlicher Theologe des 21. Jahrhunderts ärgert es mich, wenn eine Religion – egal welche – in einem modernen, säkularen Staat sich anmasst, ihren Mitgliedern auch für das Leben in der Öffentlichkeit radikale Kleidervorschriften zu machen. Muss da Religion herhalten, weil Mann Kleidervorschriften für seine Frau legitimieren will? «Von Angesicht zu Angesicht» ist ein wichtiger Gedanke, auch in der Bibel. Die Redewendung stammt aus 2. Mose 33: «Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.» Indem bei uns Kinder, Frauen, Männer einander das Gesicht frei und freundlich zuwenden und zeigen, geben sie sich da nicht auch etwas von Gottes Zuwendung zu seinem ersten Diener weiter?

Gleichzeitig frage ich mich, ob diese Kleider-Diskussion nicht inszeniert ist und selbst einer viel grösseren Verschleierung dient. Mit einer Scheindebatte über Klamotten wird verhindert, dass sich die Bürger Europas Gedanken über die Schattenseiten der Globalisierung machen. Wer profitiert von den Stellvertreterkriegen im Nahen Osten? Wer kümmert sich um dessen Opfer und Flüchtlinge? Was waren die Versäumnisse Europas bei der Integration von ausländischen Neuzuzügern? Weshalb haben wir Angst, unser christliches Religions- und Kulturgut zu verlieren und meinen, uns gegen die Islamisierung der Schweiz wehren zu müssen?

Wir verdrängen, dass unser christliches Abendland mit oder ohne Migration in Auflösung begriffen ist – durch Individualisierung, Entkirchlichung, Wohlstand.