Eine Krankheit verbreitet sich unter Männern wie eine Epidemie. Es trifft Kerle im besten Mannesalter (41 bis 41 1/2) genauso wie Junge und Frührentner. Die Krankheit heisst: Spezifische Vergesslichkeit. Ich meine nicht den altersadäquaten Abbau der geistigen Kräfte oder die - schrecklichen und ernstzunehmenden - Folgen einer Demenzerkrankung, egal unter welchem Diagnose-Label. Die spezifische Vergesslichkeit grassiert, wenn Frauen sich erinnern an Übergriffe und Grenzüberschreitungen. Bis in die höchsten Ebenen der Wirtschaft und Weltpolitik, von den gefeiertsten Stars der Unterhaltungsbranche bis zu den Leitern von Mega-Churches finden immer mehr Mannsbilder keinen Zugang mehr zu gewissen Kellerräumen ihrer Erinnerung. Ganz abgesehen von den furchtbaren Übergriffen durch Vertrauenspersonen wie religiösen und pädagogischen Vorbildern an Minderjährigen, die für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind. Das ist ein eigenes abgrundtief trauriges Thema, das anderswo dringend vertieft werden muss.

Heute geht es mir um die Seuche der Übergriffe auf Frauen. Kein Mann (auch ich nicht) kann sich vorstellen, was es für eine Frau bedeutet, das zu erleben - und wie gross die Scham sein kann. Das ist ein Teil der Hässlichkeit dieser Taten, dass sie beim Opfer mehr Schuldgefühle auslösen als beim Täter. Selbst ein Mann, der für das oberste Gericht in den USA nominiert ist (zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, gilt die Unschuldsvermutung), wird von anderen, oft alten Männern mit dem Argument verteidigt, das sei aber nun wirklich sehr lange her und wenn es wahr wäre, hätte diese Frau sich sicher viel früher gemeldet. So dumm und dreckig können nur Männer argumentieren.

Das heisst nicht, dass ich alle Männer unter Generalverdacht stelle. Ich bin ein ziemlich banaler heterosexueller Mann. Ich erinnere mich an Momente aus verschiedenen Jahrzehnten meines Lebens, in denen ich beim Flirten verbal den einen Schritt zu weit ging (Masstab ist hier immer spätestens die Reaktion des Gegenübers) oder meine Hand einen Moment zu lange auf dem Arm einer Frau ruhen liess, die ich mochte (die das aber nicht erwiderte). Ich behaupte, dass ich mich an die meisten dieser Augenblicke erinnere, und bin in keiner Weise stolz darauf.

Apropos Augenblicke: Ja, natürlich habe ich schon mal eine Frau mit begehrendem Blick angesehen und wie fast alle Menschen habe ich durchaus auch erotische Fantasien. Die entscheidende Frage ist, was man(n) damit macht. Die selbe Frage stellt sich, wenn ich Zeuge bin, wie ein anderer Mann zu weit geht. Ich erinnere mich an Situationen in der Rekrutenschule, in denen ein Supermacho jede, aber wirklich jede Frau anmachte, auf die primitivste Art. Ich war zu feige, ihm die Meinung zu sagen und die Würde der Frau zu verteidigen. Ich hoffe, dass ich heute nicht mehr zu feige wäre. Und dass ein Mittel gefunden wird gegen die spezifische Vergesslichkeit. Noch besser: Wenn wir uns so verhalten, dass wir nichts vergessen müssen.