Vom Verkleben und Vermissen

Wieso solltest du dich bis jetzt auch verändern. Du warst doch gut, so wie du bist. Mit all deinen Ecken und Kanten – im wahrsten Sinne des Wortes. Stabiler Kunststoff ist doch nur was für Hipster. Und wer braucht schon eine Karte im Kreditkartenformat – wie unpraktisch. Auch wenn alle anderen Schweizer Unis deinen gut aussehenden und hippen Bruder aus Kunststoff schon vor Jahren dir vorgezogen haben, sind wir Basler dir bis jetzt treu geblieben. Doch nun sind auch deine Tage gezählt, liebe Papier-Legi. 

Ich danke dir dafür, dass die Bibliothek-Ausleihe schon nach der zweiten Semesterwoche nicht mehr funktioniert hat, weil du dich im Portemonnaie mit meinen restlichen Kärtli verbrüdert hast und dich so fest an meine Cumuluskarte schmiegtest, dass diese bis heute einen schwarzen Abdruck als Andenken trägt, der einmal ein Code gewesen war. Nicht zu verwechseln mit dem anderen schwarzen Fleck, den du als Platzhalter für mein Gesicht getragen hast.

Habe ich die Zeit genossen, als ich noch mit fünf verschiedenen Kopierkarten durch die Gänge hetzte, ohne genau zu wissen, welches Guthaben nun auf welcher Karte zu finden war und welches Kärtli nun zu welchem Kopierer in welcher Fakultät passt. Das wird mit deinem Hipster-Bruder nicht mehr möglich sein. 

Wo bleibt denn da der Reiz, wenn das alljährliche Rätselraten wegfällt, in welcher Farbe du wohl in diesem Semester daherkommen würdest?

Bye bye, du doofer Papierfötzel. Ich hoffe, du wirst mein erfreutes Gesicht nie mehr vergessen, als es im Masterstudium endlich das erste Mal geklappt hat, deine beiden Enden exakt aufeinander zu kleben.

Claudia Hottiger ist Online-Praktikantin bz Basel / Basellandschaftliche Zeitung

 

Eine sehr alte Legi der Basler Kunsthistoriker. Links war Platz, damit pro Semester per Unterschrift von Hand ihre Gültigkeit erneuert werden konnte.

Alte Legi

Eine sehr alte Legi der Basler Kunsthistoriker. Links war Platz, damit pro Semester per Unterschrift von Hand ihre Gültigkeit erneuert werden konnte.

Handfester Beweis intellektueller Wertigkeit

Ausweise sind Auszeichnungen. Allein der Stolz, mit dem Jungjournalisten ihren ersten Presseausweis in den Händen halten: Endlich eine Manifestation des ansonsten so abstrakten Schaffens! Oder die berühmten FBI-Ausweise in amerikanischen Polizeiserien: Bäm, da ist jemand Wichtiges, der sich auf seiner institutionalisierten Mission für Recht und Gerechtigkeit identifiziert!

Gilt natürlich auch für die Universität. Natürlich, ein stattlicher Geistesmensch soll sich nicht mit profanen Karten aufhalten. Es ist schliesslich einzig die Zettelwirtschaft, die wahre Grösse und Intellekt auszeichnet.

Und darin war die Uni stets meisterhaft. Testatbuch, kennt das noch jemand? Ein grünes Heft, das man wie in der Schule mit sich trug und zu Beginn und zu Ende einer Veranstaltungsreihe vom Dozenten unterzeichnen lassen musste. Das galt dann oft schon als Leistungsnachweis, eine Prüfung gabs da nicht. Nur den professoralen Chribbel, das wars. 

Dazu reichten sie den dickpapierigen Fötzel, die ganz alte Legi, unmögliches Format, passte nirgendwo wirklich rein, war aber immerhin stattlich, so mit aufgeklebtem Passfoto vom Foti-Automaten. Dann kam die neue Legi – und irgendwie waren alle enttäuscht. Ein schlappes Papierblättchen, qualitativ minderwertiger als jeder Rega- oder Paraplegikerzentrumsausweis. Klar, jedes Jahr gabs einen neuen Papierlappen, aber damit kam man sich organisatorisch noch hobbymässiger versorgt vor als in den letzten Zügen des Lizentiatssystems, wo alle schon auf Bologna, also Bachelor und Master, umstellten. Das ist zum Glück auch schon länger her.

Jetzt ist die Fötzelwirtschaft zu Ende. Endlich eine anständige Plastikkarte, eine für alles: Fürs Kopieren, für den miesen Cafeteria-Kaffee, für was auch immer und ein bisschen auch zum Angeben. Erstaunlich, dass die Uni Basel erst Jahre nach den anderen Hochschulen mitzieht. Dabei will sie doch an der Spitze der Forschung, der Innovation und damit der Zeit sein. Aber egal. Fertig Papierwirtschaft. Hauptsache Aufwertung statt Einsparung.

Andreas Schwald istLeiter Online bz Basel / Basellandschaftliche Zeitung