In den Läden wird bereits Weihnachten gefeiert, kaum haben wir Halloween überstanden. Man mag es allen gönnen, die gerne nach einem dichten Kalender Feste zelebrieren. Ausgleichender Frohsinn schadet gar nichts, wenn Kopf und Herz noch etwas Platz haben für das relevante Geschehen.

Dies ist leider eher schwere Kost, es betrifft vor allem die Natur und die globale Rechts- und Sicherheitspolitik. Riesige Plasticinseln in den Meeren, rasch schmelzende Gletscher und die galoppierende Ausrottung der Fauna erlauben keine weitere Ignoranz. Erfreulich sind die Milliardenbeträge, die grosszügige Mäzene wie Hansjörg Wyss in den Schutz der Natur investieren. Umgekehrt ist es kaum zu glauben, dass das emporstrebende China wieder erlaubt, Tigerknochen und Nashörner zu abergläubischer Wundermedizin zu verarbeiten. Nur internationale Abkommen und ihre solidarische Durchsetzung können die dringend nötigen Fortschritte zum Schutz der natürlichen Ressourcen gegen Rückfälle absichern. Und dies erst recht, wenn Donald Trump und mit ihm mehrere weitere Präsidenten momentan den nationalen Egoismus abfeiern. Nicht Resignation ist die Antwort, sondern stärkeres internationales Engagement.

Das gilt auch für die Verteidigung des Völkerrechts und insbesondere für die Rechte der Minderheiten. Nur mit ihnen können wir die Ursachen von Armut, Terror und Vertreibung angehen - Probleme, die uns als eng vernetztes, kleines reiches Land besonders rasch einholen können. Im Nahen Osten werden die Minderheiten brutal verfolgt, so wie kürzlich (wieder) christliche Pilger im Sinai, oder die Jesiden, Kurden und Aramäer in Nordsyrien.

Just zum Welt-Kobane-Tag am 2. November, der an die erfolgreiche Verteidigung der Kurden gegen die mörderischen Islamisten erinnert, wurde das multikulturelle Kobane von türkischer Seite unter Beschuss genommen und so der IS mit seinen Söldnern an anderen Fronten entlastet. Kaum hatten sich Merkel, Putin und Macron beim Gastgeber Erdoğan verabschiedet, fielen die ersten Schüsse - unter anderem gegen die zwölfjährige Sara Rifat, tödlich. Was können wir gegen die grobe Verletzung des Völkerrechts und die Menschenrechte tun, wenn die involvierten Staaten nur noch zynisch taktieren?

Der Basler Grosse Rat hat es vor einem halben Jahr mit einer Resolution an den Bundesrat versucht und ihn gebeten, sich für die Einhaltung der Menschenrechte im nordsyrischen Afrin einzusetzen. Das Anliegen ist inzwischen noch dringlicher und betrifft das ganze Konfliktgebiet. Die bisher wenig erfolgreichen UNO-Tätigkeiten in Syrien müssen von der Schweiz aus aktiver unterstützt und mit einer Sondermission für Minderheitenrechte ergänzt werden.

Wenn dafür ausserhalb der Konfliktparteien weitere demokratische Rechtsstaaten gewonnen werden können, umso besser. Eine solche diplomatische Offensive ist nicht überrissen, sondern ein notwendiger Beitrag gegen die derzeitigen Exzesse und für eine mögliche Nachkriegsordnung. Ohne garantierte Rechte für alle Minderheiten gibt es keinen nachhaltigen Frieden, und ohne diesen haben wir das Pulverfass in drei Flugstunden vor der Haustüre.

Frohe Weihnachten mit aktiver Diplomatie darf man sich jetzt schon wünschen.

 

Thomas Kessler ist Agronom, er berät Behörden und Firmen. Zuvor war er Basler Kantons- und Stadtentwickler, vorher Leiter der Integrationsstelle und von 1991 bis 1998 Basler Drogendelegierter. Seit Ende Januar wirkt Kessler zudem als publizistischer Beirat der bz.