Was steht eigentlich 2019 in der Region politisch an? Ziehen wir einen aktuellen Social-Media-Beitrag des Baselbieter Sicherheitsdirektors Isaac Reber zur Beantwortung dieser Frage bei: «In der Ruhe liegt die Kraft», lässt der grüne Politiker die Netzwelt wissen und wünscht seinen virtuellen Freunden ein gutes Neues Jahr. Sein Bild dazu: Ein still liegender See, ein bläulich eingefärbter Abendhimmel.

Gute Ruh’ und gut’ Nacht also! Aber geht es uns tatsächlich so gut, dass sich zu Beginn eines wichtigen Abstimmungs- und Wahljahres die Exekutive in den Winterschlaf mit anschliessender Frühjahrsmüdigkeit verabschieden kann? Ist eine Politik der ruhigen Hand, wie eine solche Vorstellung von Amtsausübung beschönigend genannt werden könnte, in dieser Zeit angebracht?

Ganz und gar nicht! Es hat sich, im Stadt- wie im Landkanton, eine eigenartige Trägheit über den Politikbetrieb gelegt. Viele Akteure, gerade in den Exekutiven, scheinen ausgelaugt, amtsmüde und wenig bis gar nicht inspiriert, verheddern sich im Kleinklein der Tagespolitik. Der Entwicklungsstau ist angesichts der guten wirtschaftlichen Gesamtlage vielleicht noch nicht klar konturiert erkennbar, aber er wird mit Sicherheit kommen.

Genau deshalb sollte sich jetzt jemand trauen, wirklich grosse Projekte zu wagen. Wie wäre es mit einem erneuten Versuch zur Wiedervereinigung der beiden Halbkantone Baselland und Basel-Stadt? Das Drehbuch dazu: 2019 beginnen die beiden Regierungen mit den Vorbereitungen für eine entsprechende Vorlage. Diese wird 2020 oder 2021 vom Stimmvolk in den beiden Halbkantonen nach einem emotionalen, aber zukunftsgerichteten Abstimmungskampf wuchtig angenommen. Entsprechend erfreut reagieren die solothurnischen und aargauischen Nachbargebiete – und voilà, der Kanton Nordwestschweiz wird im Jahr 2025 aus der Taufe gehoben.

Ein Wunschtraum? Selbstverständlich. In einer Zeit, da bereits eine Fusion der Spitäler aus Stadt und Land als gewagtes, komplexes Projekt betrachtet wird und höchst umstritten ist, scheint dies keine zeitgemässe oder gar mehrheitsfähige Idee. Aber haben wir denn eine Alternative? Kann es wirklich sein, dass sich eine Heerschar von Staatsangestellten hüben und drüben monatelang mit der Verschiebung von ein paar Kulturmilliönchen beschäftigt? Dass jahrelang über mögliche Standorte für die Universität verhandelt wird? Dass sich Baselland und Basel-Stadt zwei Kantonalbanken leisten, die jede für sich zu klein ist, um wirklich marktrelevant zu sein? Warum muss in dieser kleinen, begrenzten Region gleich mehrfach Raum- und Verkehrsentwicklung betrieben werden, mit enormem Koordinationsbedarf und entsprechend kleiner Wirkung nach aussen (Stichwort «Herzstück»)? Warum braucht es zwei Verkehrsbetriebe? Und wieso beklagen wir uns immer über den geringen politischen Einfluss der Region in Bundesbern?

Weitere Beispiele aufzuzählen, ist eigentlich müssig: Jeder von uns könnte aus seinem alltäglichen Leben von Hürden und Doppelspurigkeiten berichten, die ihren Ursprung darin haben, dass Stadt und Land seit nun beinahe 200 Jahren getrennt sind.

Nächsten September werden fünf Jahre vergangen sein, seit die Kantonsfusion zum letzten Mal bei einer Volksabstimmung ein Thema war. Damals stimmte die Stadt recht deutlich für eine Prüfung der Fusion, der Landkanton quasi flächendeckend dagegen. Wer jetzt zwischen Schönenbuch und Ammel oder auch zwischen Bettingen und dem Bachletten «Zwängerei!» ruft, sollte bedenken, dass allein die Existenz zweier so eng verknüpfter Staatsgebilde jeden Tag strukturelle Zwängereien generiert.

Was Basel-Stadt und Baselland brauchen, sind Gemeinsamkeiten, verbindende Ideen. Fast jeder von uns kann doch auf unterschiedliche «Herkunften» oder «Identitäten» verweisen, hat Vorfahren, die in der Stadt oder auf dem Land geboren wurden oder ihren Lebensmittelpunkt am jeweils anderen Ort hatten. Anstatt aber auf die verbindenden Elemente zu bauen, wird noch allzu oft der Stadt-Land-Graben beschworen. Zahlreiche Elemente davon finden sich beispielsweise in der aktuellen Diskussion um die Spitalfusion.

Die Annäherung zwischen Stadt und Land darf nicht um rein ökonomische Argumente kreisen, nicht nur um Synergien und Spareffekte. Es geht im Kern immer um Emotionen, um ein Gefühl von Zugehörigkeit und Eigenständigkeit zugleich. Verlustängste sind unbegründet: Die Basler Läggerli werden eine Kantonsfusion ebenso überleben wie der General Sutter Kirsch, der Bauernhof im Oberbaselbiet ebenso wie das urbane, multikulturelle Treiben im Klybeck. Wer von den Politikern in Stadt und Land wagt sich jetzt aus der Deckung und nimmt sich dieses Themas an? Zu verlieren gibt es nichts, nur zu gewinnen. Aber ja, es braucht etwas Mut. Erst so entsteht die wirkliche Kraft. Nicht aus der Ruhe.