«Der FC Basel ist nicht nur der Fussballclub einer ganzen Region schlechthin, sondern er gehört zur Nordwestschweiz wie andere tief verankerte Institutionen: wie die Fasnacht, wie Basels angesehene Museen, wie die Art, wie die chemische Industrie oder wie die weltweit anerkannte und bedeutsame Architektur. Wer also den FCB auf einen schlichten Fussballverein reduziert, verkennt seine sämtliche sportliche Grenzen sprengende Bedeutung, missachtet seine gesellschaftliche und soziale Integrationskraft.»

Diese Feststellung stammt von Ottmar Hitzfeld. Im Sommer 2001 leitete der Lörracher Erfolgstrainer mit diesen Zeilen sein Vorwort zu Josef Zindels Buch «FC Basel – Emotionen in Rotblau» ein. Es war dies das quasi offizielle FCB-Geschichtsbuch von der Vereinsgründung bis zum Bezug des neuen St.-Jakob-Park-Stadions. Heute würde man statt der chemischen von der Pharmaindustrie sprechen; ansonsten ist Hitzfelds Analyse so zutreffend wie eh und je.

Aus dieser Sonderrolle des FCB leiten sich spezielle Verantwortlichkeiten ab. Der FCB darf nicht wie ein Fussballverein, sondern er muss «baslerisch» geführt sein. Man muss gut sein, sehr gut sogar, Weltklasse am besten, aber dies ja nicht zur Schau stellen. Nur gerade so sehr, um das eigene wohlige Understatement zu bestätigen. Blöffer und Sprücheklopfer fallen durch, professionelle Tiefstapler, Umdenheissenbreiredner und Kommunikationsverweigerer aber ebenso. Am liebsten hat man hier diese Art von Eloquenz, gepaart mit souveräner Demut, wie sie von Ex-Präsident Bernhard Heusler und seiner Crew so meisterhaft vorexerziert wurde. Das war die Art von sozialer Intelligenz, wie sie Basel liebt und achtet.

Der FC Basel muss so tun, als ob er allen gehört, für alle da ist, dass sein Erfolg der Erfolg aller ist, ohne etwas von seiner Professionalität einzubüssen. Denn handwerklicher Pfusch, egal auf welcher Ebene, ist provinziell, und Basel will nicht provinziell sein. Verlierer darf man nur auf «kultige Art» sein, was immer das auch bedeuten mag. Und noch etwas: Der Basler hasst Gier und Kommerz. Es darf immer nur um den Fussball und seine möglichst reine Emotionalität gehen. Wer im FCB bloss die Marke und den «Brand» sieht, hat von vornherein verloren.

Mit der Marke FCB darf nicht Geld verdient werden, als Trittbrettfahrer schon gar nicht, man darf höchstens Gewinne in noch attraktiveren Fussball und noch bessere Nachwuchsarbeit reinvestieren. Vielleicht mögen diese Beobachtungen, die so oder ähnlich schon oft geäussert worden sind, dazu dienen, die heftigen Reaktionen zu verstehen, die nach der Entlassung von Trainer Raphael Wicky über die Führungsriege des Vereins niedergeprasselt sind. Selbstverständlich verdrängte die Meldung vom Donnerstagnachmittag sofort jedes andere regionale Thema und erhitzte allerorten die Gemüter.

Was dabei auffällt: Noch selten ist ein soeben entlassener Fussballtrainer so wenig für die sportliche Misere verantwortlich gemacht worden wie in Wickys Fall. Es ist ja nicht so, dass man mit dem aktuellen Kader, Abgänge hin oder her, unmöglich gegen St. Gallen und Paok hätte gewinnen können. Hier aber diente die Freistellung des sympathischen Wallisers als Fanal, um dem seit Monaten stetig wachsenden Missmut über den Führungsstil des schwer zugänglichen Präsidenten Bernhard Burgener Luft zu verschaffen. Vor allem, aber nicht nur, vonseiten der Medien. Diese fühlen sich nach dem Fall Brigger jetzt erst recht in ihrem Misstrauen gegenüber dem aus dem sportlichen Nichts aufgetauchten Filmmagnaten bestätigt.

Andere, wie der Basler Star-Architekt Jacques Herzog, sehen anfängliche Hoffnungen enttäuscht und scheuen sich nicht davor, dies offen auszusprechen. Auch dies ein deutliches Anzeichen dafür, wie wenig Burgener und seiner Crew noch zugetraut wird, jemals aus Heuslers Schatten treten und den Verein so «baslerisch» wie der Wirtschaftsanwalt führen zu können.

Doch was, wenn sich der Trainerwechsel als Erfolg herausstellen würde? Was, wenn ein Wicky-Nachfolger die Qualifikation zur Champions League schaffen und mit dem FCB wieder Titel gewinnen würde? Diesem Gedanken wurde nach dem Eklat vom Donnerstag erstaunlich wenig Platz eingeräumt. Wieso nicht? Weil es im Grunde gar nicht um den Trainer und Wickys Person geht, ja nicht einmal um den sportlichen Misserfolg.

Es geht um die Banalität, Fantasielosigkeit und Unaufrichtigkeit, wie es zur Entlassung gekommen ist. Besonders treffend hat einer der Kommentatoren festgestellt, dass die Quintessenz von Wickys Abgang sei, dass sich der FCB mit dieser Personalmassnahme definitiv von seinem intellektuellen Sonderstatus verabschiedet und in die Liga der «gewöhnlichen» Fussballvereine abgestiegen ist. Also genau das, was am stärksten gegen das von Hitzfeld formulierte Verständnis verstösst und der Basler Fan am allerwenigsten verzeiht.