Als ehemaliger Chefredaktor des «Blick» habe ich es mir bisher immer verkniffen, etwas zu der Zeitung zu schreiben, die ich selber von 2003 bis 2007 verantwortet habe - und die jetzt zum 5. Mal seither wieder einen neuen Chef bekommt. Nach dem Lesen dieser Zeilen werden einige sicher sagen, hätte er doch bloss weiter geschwiegen. Vielleicht haben sie recht. Trotzdem will ich es diesmal tun. Nicht als böser Blick zurück im Zorn, sondern als überzeugter Blick nach vorn.

• Weil die Schweiz eine Zeitung braucht, die unerschrocken und unabhängig Themen aufgreift, die die Menschen im Land bewegt. Es braucht den «Blick» indes nicht, wenn der ehemalige UBS-Chef Oswald Grübel in seiner Kolumne in «Schweiz am Sonntag» näher bei den kleinen Leuten ist und direkter als der «Blick» auf den Punkt kommt, wenn er über die viel zu teuren Preise in unserem Land schreibt, die unsere Löhne wegfressen.

• Weil die Schweiz eine Zeitung braucht, die nicht nur nachplappert, was Parteien, Wirtschaft und Verbände an Medienkonferenzen und in Communiques verlautbaren, sondern die auch selber eigene Geschichten recherchiert und auf die Agenda dieses Landes setzt. Es braucht den «Blick» indes nicht, wenn die kritische Geschichte über den SVP-Bundesratskandidaten Bruno Zuppiger zuerst schon in der SVP-nahen Weltwoche steht.

• Weil die Schweiz eine Zeitung braucht, die es wagt, auch mal über mehrere Tage hinweg ein Thema zu setzen und nicht zusammenbricht, wenn vom Bundes- oder Paradeplatz ein steifer Gegenwind aufkommt. Es braucht den «Blick» indes nicht, wenn er so tut, als wären alle sieben Bundesräte gleich gut und Blocher immer noch Bundesrat. Zuviel Schoggi verdirbt die Zähne. Ein «Blick2, der es allen recht machen will, hat keinen Biss.

• Weil viele Schweizerinnen und Schweizer hin und wieder gern mal einen Blick in eine Zeitung werfen, die nicht prüde den Zeigefinger hebt, sondern mit Lust und Laune einfach auch mal Spass macht - mit einer Prise Erotik, viel Sport und ein paar verrückten Geschichten, die uns den biederen Alltag kurz einmal vergessen machen. Wenn der «Blick» indessen meint, jeden Tag auf Seite eins eine Serviertochter auszuziehen, sei schon Erotik, dann gehe ich lieber in die Beiz und bestelle mir ein Bier gleich direkt bei ihr.