Die vergangenen 29 Jahre müssen sich für Terry Gilliam zunehmend wie ein Kampf gegen Windmühlen angefühlt haben. Seit 1989 versucht der britisch-amerikanische Regisseur, seinen Film «The Man Who Killed Don Quixote», eine lose Adaption von Cervantes’ Romanklassiker, auf die Leinwand zu bringen.

Die Probleme, die die Produktion plagten, sind inzwischen legendär: das lange fehlende Geld, die Zerstörung der Filmkulissen durch eine Sturzflut in der spanischen Steppe, der Bandscheibenvorfall von Hauptdarsteller Jean Rochefort. Ein ganzer Dokumentarfilm, «Lost in La Mancha» (2002), widmet sich den bizarren Vorfällen.

Gilliams nächste Versuche, den Film zu realisieren, scheiterten ebenfalls. Einerseits an dem jahrelangen Versicherungsstreit, der aus dem ursprünglichen Produktionsstopp resultiert war. Andererseits, weil seine neuen Schauspieler immer wieder absprangen. Hauptdarsteller John Hurt beispielsweise musste wegen einer Krebserkrankung passen (er verstarb im Januar 2017). Auf «The Man Who Killed Don Quixote» schien ein Fluch zu lasten.

Ein Fluch, der nun, nach fast drei Jahrzehnten, an den Filmfestspielen von Cannes abgelegt werden sollte. Gilliam hat es in den letzten zwei Jahren tatsächlich geschafft, den Film komplett abzudrehen (nun mit Jonathan Pryce als Don Quixote). Mit der langersehnten Weltpremiere von «The Man Who Killed Don Quixote» soll das Filmfestival am kommenden Samstag, 19. Mai, zu Ende gehen.

Soll. Denn bis zuletzt war nicht wirklich absehbar, ob Gilliam und sein Film tatsächlich anreisen können. Der portugiesische Produzent Paulo Branco wollte die Filmpremiere mit einer einstweiligen Verfügung verhindern und nannte die jetzige Fassung des Films «illegal». Gilliam und seine Crew argumentierten vor Gericht, dass Branco keine rechtlichen Ansprüche am Film habe, da er seinen Teil der Finanzierung schuldig geblieben war.

Abwesende und Rückkehrer:

Ein französisches Gericht gab am Donnerstag grünes Licht für die Cannes-Premiere. Doch möglicherweise wird sie ohne Terry Gilliam stattfinden müssen: Der 77-Jährige erlitt vergangenes Wochenende in London einen Schlaganfall, von dem er sich aktuell am Erholen ist.

Putin wird nicht weich

Ein Filmemacher, der Cannes trotz Einladung definitiv fernbleiben muss, ist Kirill Serebrennikow. Dessen neuer Film, «Leto», läuft hier zwar im internationalen Wettbewerb; angereist sind allerdings nur die Produzenten und Darsteller. Auf dem roten Teppich forderten diese mit einem grossen Plakat die Freilassung des russischen Film-, Opern- und Theaterregisseurs. Serebrennikow sitzt seit letztem August unter Hausarrest in einer Wohnung in Moskau fest, die Behörden werfen ihm eine Veruntreuung von Staatsgeldern in Höhe von 68 Millionen Rubel (ca. 1,1 Millionen Franken) vor.

Cannes-Direktor Thierry Frémaux hatte die Putin-Regierung um eine Ausreisebewilligung für Serebrennikow gebeten. Das Antwortschreiben aus dem Kreml las Ilja Stewart, einer der Produzenten von «Leto», zu Beginn der Pressekonferenz vor: Man habe Cannes gerne helfen wollen, hiess es darin, doch in Russland sei «die Justiz unabhängig». Stewart beschrieb die Situation als «lächerlich».

Serebrennikow war noch vor Drehschluss verhaftet worden. Die ausstehenden Szenen nahm eine zweite Einheit anhand der Notizen des Regisseurs auf, erzählte Stewart. Serebrennikow schnitt den Film dann in seiner Wohnung. «Leto» spielt Anfang der 80er im damaligen Leningrad und zeigt den Aufstieg der russischen Rocklegende Viktor Tsoi und seiner Band Kino. In hochästhetischen Schwarz-Weiss-Bildern beschwört Serebrennikow den Freiheitsdrang einer nach Westen orientierten Jugend. «Das ist ein Film über Menschen, die auf eine neue Zeit warteten – genau wie wir heute», sagte die russische Hauptdarstellerin Irina Starshenbaum, die neben einem leeren Platz sass, der mit Serebrennikows Namen angeschrieben war.

Zu kritisch für die Behörden

Auch der Iraner Jafar Panahi hat mit «Three Faces» einen Film im Wettbewerb von Cannes, auch er darf sein Heimatland nicht verlassen. Panahi wurde 2010 ein Film- und Ausreiseverbot auferlegt, nachdem er 2009 versucht hatte, die kontroverse Präsidentschaftswahl zu dokumentieren. Der 65-Jährige hat seither trotzdem schon vier Filme realisiert, sein letzter, «Taxi Teheran», gewann 2015 an der Berlinale den Goldenen Bären.

«Three Faces», der diesen Samstag Weltpremiere feiert, handelt von einer iranischen Schauspielerin, die ein Video von einem jungen Mädchen erzählt, in dem sie um Unterstützung dabei bittet, ihre konservative Familie zu verlassen. Asghar Farhadi, der iranische Regisseur des Eröffnungsfilms «Everybody Knows», äusserte in Cannes seine Solidarität: «Ich habe enormen Respekt vor Jafar Panahis Arbeit und hoffe immer noch, dass er es nach Cannes schafft. Aber selbst wenn er nicht ins Flugzeug steigen darf: Das Wichtigste für ihn ist, dass Menschen seinen Film sehen.»

Panahi, Serebrennikow und möglicherweise auch Gilliam: Sie sind die grossen Abwesenden am diesjährigen Festival. Handkehrum feiert Cannes heuer auch einen prominenten Rückkehrer: Lars von Trier. Der dänische Filmer war 2011 vom Festival verbannt worden, nachdem er sich als Nazi bezeichnet und Sympathien mit Hitler bekundet hatte. Nun darf er mit seinem neuesten Werk, «The House that Jack Built», doch wieder antreten. Der Film über einen Serienkiller läuft allerdings nur ausser Konkurrenz. Ganz verziehen hat Cannes dem Enfant terrible offenbar noch nicht.