Wenn sich das Basler Volkshaus in einen glamourösen Schuh- und Kleiderladen verwandelt, dann ist wieder Tango-Zeit: elegante Riemchensandalen in allen möglichen Farben und glitzernden Facetten, mit verschiedenen Absatzhöhen und ganz neu, sogar mit gepolsterten Fussbett zum noch längeren Durchhalten auf der Tanzfläche werden da angeboten. Bereits zum 16. Mal fand der Oster-Tango, dieses vielseitige Festival, in Basel statt.

Es scheint eine eingeschworene Gemeinschaft (nach Angaben des Veranstalters 1000 bis 2000 Besucher und Teilnehmer) zu sein, die sich in den freien Tagen dem dichten Programm aus Kursen, Konzerten und Showtanzen hingibt. Leidenschaftlich ineinander verschlungene Paare liessen sich nonstop beim «Marathon» im Unionssaal des Volkshauses antreffen. Es ist, als müsste hier niemand seine Schwermut verstecken, ja im Tango ist sie geradezu chic. Gepaart mit einer straffen Eleganz frönt der Tango-Tänzer seiner Melancholie mit exzessiver, im besten Falle ekstatisch-erotischer Hingabe.

Bereitschaft zu Detailarbeit

Beim Showtanzen am Samstagabend liessen sich diese Parameter dann im Tanz des professionellen Paares Ruben und Sabrina Veliz nachvollziehen, die direkt aus Buenos Aires, dem Epizentrum des Tangos, angereist und bereits mehrfach beim Oster-Tango aufgetreten waren. Im Rücken die Musik des sechsköpfigen, russischen Solo Tango Orquestas, das ebenfalls bereits eine feste Grösse im Festivalprogramm ist, boten sie eine abwechslungsreiche Show.

Vor allem beeindruckten sie durch ihr hohes technisches Können, das sie nicht zuletzt in den teilweise etwas gymnastisch anmutenden Hebefiguren zeigten. Mit einzelnen Sequenzen erzählten sie tanzend sogar anrührende, vielleicht etwas naive Geschichten oder sie lockerten die auf Dauer etwas eintönig, schwermütige Aura des Tangos mit humoristischen Einlagen auf. Ein brasilianischer Kopfschmuck liess Sabrina schlagartig in eine ausgelassene Karneval-Stimmung verfallen, ein mexikanischer Sombrero weckte in Ruben den hyperaktiven Schelm.

Spontaneität vermisst

Diese Abwechslung liess aufatmen, denn Tango sollte mehr sein als nur allzu leidende, mystische Schwermut. Lebensfreude und leichtfüssige Spontaneität gehören genauso zum Lebensgefühl des Tangos wie zarte, unschuldige Zwischentöne. Doch diese Fallhöhen blieben an diesem Abend auch von dem allzu laut aufgedrehten Bass und Klavier sowie dem oft sehr effekthascherischen Spiel des Pianisten – breitbeinig und tief über die Tasten gebeugt – übertönt. Denn auch wenn der Tango Nuevo von Astor Piazzolla, dem das Konzertprogramm gewidmet war, ernsthafter ist als der klassische Tango und Piazzolla den Tango überhaupt erst reif für den Konzertsaal gemacht hat, ist das Original noch um einiges reicher an Kontrasten und auch an Abgründen.

So blieb der Abend auf Annäherungskurs an die stärksten Kontraste des Tangos, Elend und Stolz, stecken, die sich wohl doch nicht so einfach wie eine Sandale überstreifen lassen.