Viele Schweizer Rapper sind kommerziell erfolgreicher. Doch Black Tiger hat 1992 als erster Rapper in der Mundart gereimt. Nicht nur deswegen hat der 44-jährige Basler in der Szene den Status einer lebenden Legende. Black Tiger aka Urs Baur ist in der Gewalt- und Drogenprävention, als auch in der Jugendarbeit stark engagiert. Kein Wunder, wird er beim Interviewtermin auf dem Gundeldingerfeld sofort von drei Halbwüchsigen erkannt und zum Gruppen-Selfie gebeten. Black Tiger ist ein Basler Original der Postmoderne.

Black Tiger, Du steckst in den Vorbereitungen auf Dein Jubiläumskonzert. Welche Gedanken gehen Dir durch den Kopf?

Black Tiger: Ich bin eigentlich nicht der Typ, der gross in die Vergangenheit schaut. Doch für das Jubiläumskonzert musste und wollte ich das natürlich tun. Zu sehen, was ich in den letzten 25 Jahren gemacht habe, war schon speziell. Dabei bin ich auch auf technische Schwierigkeiten gestossen. Viele meiner Aufnahmen aus den 90er-Jahren sind auf Digital Audio Tape (DAT) gespeichert. Das war damals der Standard in den Studios. Doch wer hat heute noch ein funktionstüchtiges Gerät, um solche Bänder abzuspielen? Das hat mich vor organisatorische Probleme gestellt.

Wie ist es für Dich, in Deine alten
Aufnahmen reinzuhören?

Lustig und schräg zugleich. Die Art und Weise, wie ich an ein Stück herangehe, wie ich reime, hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark verändert. Ich glaube, dass ich heute auf einem anderen Level bin. Ein Black-Tiger-Text 2016 ist viel dichter, ist voller Querverweise. Ich investiere heute auch viel mehr Zeit in eine einzige Textzeile als früher. Was ich in den frühen 90ern gemacht habe, wirkt heute eher naiv, amateurhaft. Die Reime wirken etwas holperig, die Sounds klingen aber okay. Der regionale Hip-Hop ist heute auf einem ganz anderen Level. Professioneller, abgebrühter – was auch mit gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen zu tun hat.

Dein altes Material mag gemessen an heutigen Standards amateurhaft klingen, aber es wirkt frisch und voller Energie.

Als ich mit dem Reimen anfing, da hatte jeder Rapper seinen eigenen Stil. Das lag auch daran, dass jeder bei sich zu Hause im stillen Kämmerlein geübt hat. Der Austausch war viel weniger stark ausgeprägt wie heute, wo man sich via Internet und soziale Medien in Sekundenschnelle global austauschen kann. Wir waren damals auch viel weniger. Ende der 80er-Jahre war die Basler Hip-Hop-Szene überschaubar. Auch die Herangehensweise hat sich stark verändert. Wir wollten als 20-Jährige Stücke schreiben, die eigen sind. Abkupfern war ziemlich verpönt. Heute ist die Maxime eine andere. Ein Rap-Stück muss vor allem gut klingen – egal, wie es zustande kommt. In der gesamten populären Musik herrscht heute der Eklektizismus. Das hat Vor- und Nachteile: Das Denken in musikalischen Schubladen hat abgenommen, was ich gut finde. Allerdings ist es heute schwieriger, unbeeinflusste, eigenständige Musik zu produzieren.

In «Murder by Dialect» hast Du 1992 als erster Rapper überhaupt in der Mundart gereimt. Es ist ein wichtiges Stück Schweizer Hip-Hop-Kultur. Was denkst Du heute darüber?

Ich bin zwar stolz auf dieses Stück, es brachte für mich vieles ins Rollen. Doch mit Black Tiger 2016 hat es wenig zu tun. Ich würde heute nie mehr solche Stücke schreiben. Ich habe «Murder by Dialect» in meiner Karriere mit über 1000 Konzerten vielleicht zehn Mal live gespielt. Dies auch, weil es nicht mein eigener Song ist, er gehört P-27. Ich war ihr Gast. Am Jubiläumskonzert werde ich das Stück aber spielen – wenn auch in veränderter Form.

«Murder by Dialect» enthält legendäre Textzeilen, die heute noch zitiert werden. Angefangen bei «Bulleschtress und Bürgerwehr, Lüt mit Hünd, bewaffnet mit Gwehr...»

Meines Wissens gab es damals schlicht noch keinen Song in der Schweizer Mundart, der den Lebensstil der Hip-Hop-Kultur so direkt ausgedrückt hatte. Ausserdem war der Inhalt des Songs autobiografisch. Ich war ein Sprayer, auf uns wurde geschossen, wir mussten wirklich vor Polizeihunden davonrennen. Das war echt.

P-27 feat. Black Tiger - Murder By Dialect

P-27 feat. Black Tiger - Murder By Dialect

Fast formelhaft wirst Du als Pionier des Mundart-Rap bezeichnet. Welche Bedeutung hat das für Dich?

Es ist Segen und Fluch zugleich. Einerseits ehrt es mich enorm, dass ich in der Szene als einer wahrgenommen werde, der Türen geöffnet hat. Anderseits ist diese Ehre trügerisch. Sie birgt die Gefahr, sich auf den eigenen Lorbeeren auszuruhen. Das wollte ich aber nie.

Du willst in den nächsten Monaten ein neues Album veröffentlichen. Wie wird Black Tiger 2017 klingen?

Ich habe bei den Aufnahmen sehr mit dieser Frage gehadert. Als Künstler in meinem Alter stehe ich vor einem Problem: Versuche ich, was Neues auszuprobieren, stehe ich im Verdacht, meinen eigenen Stil, meine Wurzeln zu verraten. Klinge ich umgekehrt wie 1992, heisst es: «Der wieder mit seinem alten Käse». Da haben es junge Rapper etwas leichter. Wichtig ist für mich, dass mir der Spagat gelingt. Dass man den Urs auf dem Album erkennt und dass trotzdem eine Weiterentwicklung hörbar ist. Ich will nicht Musik machen, die klingt wie vor 20 Jahren.

Hip-Hop hat auch in der Schweiz eine enorme Breitenwirkung entfaltet. Du konntest davon kommerziell kaum profitieren. Ärgert dich das?

Nein. Klar: Bligg oder Lo & Leduc haben kommerziell viel mehr erreicht als ich. Aber ich gönne ihnen das. Weshalb soll ich andere um ihren Erfolg beneiden? Ich bin nicht sie und weiss nicht, ob ich an ihrer Stelle glücklich wäre. Was wichtig ist zu betonen: Der Aufstieg dieser und anderer Grössen ist nicht aus heiterem Himmel gekommen, sondern das Ergebnis harter Arbeit.

Die Hip-Hop-Kultur ist längst Mainstream. Welche gesellschaftliche Sprengkraft kann sie heute haben?

Aus meiner Sicht sind gesellschaftskritische Inhalte im Rap von den Medien und der Industrie bewusst zurückgedrängt worden. Das gesellschaftspolitische Potenzial, das der Hip-Hop-Kultur innewohnt, ist nicht ausgeschöpft. Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre gab es in den USA viele Rapper mit inhaltsstarken Texten, die die Zuhörer aufgefordert haben, Bücher zu lesen, sich selber zu reflektieren und etwas aus ihrem Leben zu machen. Dieses Genre ist von der Bildfläche beinahe verschwunden. Ich denke, weil er als Bedrohung wahrgenommen wurde. Der vorherrschende Rap ist Unterhaltung – und das im buchstäblichsten Sinne. Es geht auch darum, die Leute unten zu halten, sie abzulenken. Fies ist zudem, dass diese Musik Vorurteile zementiert, etwa jenes vom bösen schwarzen Mann, vom Gangster.

Es scheint, als wäre im Hip-Hop einiges auf den Kopf gestellt worden.

Es mag bizarr klingen: Wir waren eine Friedensbewegung. Unsere Prinzipien lauteten Love, Peace and Having Fun. Das war auch in der Basler Hip-Hop-Szene so. Viele von uns sahen in der Gewalt keine Lösung. Zusammenhalt und Kreativität waren uns wichtiger. «Peace» als Abschiedsgruss war nicht bloss keine Floskel, sondern ein Statement. Der damalige Grundgedanke hat stark an Bedeutung eingebüsst, was dazu geführt hat, dass viele der Szene den Rücken gekehrt haben.

Sie haben in einem früheren Interview mit der bz gesagt, Erwachsene sollten sich mit Rap-Texten befassen. Sind Sie noch dieser Meinung?

Ja, das finde ich immer noch. Rap ist gesellschaftlich relevant. Auch deshalb, weil er Inhalte ungefiltert transportiert. Um zu begreifen, wie Junge denken, was sie sich reinziehen, ist ein Rap-Text nach wie vor eine gute Grundlage. Rap nimmt gesellschaftliche Veränderungen schnell auf, weil er immer noch nahe an der Strasse ist. Der Kokain-Boom etwa wurde in Hip-Hop-Texten thematisiert, lange bevor die Medien und Politik das Problem erkannt hatten. Dennoch ist für Aussenstehende schwer zu erkennen, was nun ernst gemeint und was fake ist. Hip-Hop ist ein komplexes Universum. Es braucht Zeit, sich darin zurechtzufinden.

Black Tiger feiert heute Samstag ab 21.30 Uhr in der Basler Kaserne mit Weggefährten (MC Rony, Luana, Skelt!, Shape Poets, u. a.) sein 25-Jahr-Bühnenjubiläum.