Für zwei Dinge lieben wir Robert Delaunay: Für seine Dynamik, mit der er das alte Paris in pulsierende Bilder verwandelt hat. Und für seine Befreiung der Farben, mit deren Strahlkraft er uns bis heute begeistert. Beide Seiten feiert nun das Kunsthaus Zürich. Dies aus zwei Gründen: Zum einen besitzt es zwei prächtige Werke des Franzosen. Zum andern, so Direktor Christoph Becker, habe es noch keine umfassende Ausstellung von Robert Delaunay in der Schweiz gegeben. Das sei für einen Künstler der klassischen Moderne von Weltruf aussergewöhnlich.

Wäre es tatsächlich. Allerdings erinnern wir uns gut und gerne an die umfassende Ausstellung über Robert und Sonia Delaunay 1991 im Kunstmuseum Bern in der Reihe «Künstlerpaare». Roberts Werke alleine, da hat Becker recht, wurden hierzulande noch nie ausgebreitet. Vielleicht gerade, weil die Wechselwirkung in der Künstlerbeziehung so wichtig war.

Fortschritt und Farbe

Genug gemeckert – lassen wir das Werk sprechen, die Ausstellung wirken. Der Auftakt im grossen Saal des Kunsthauses ist raffiniert und klug inszeniert. Rechterhand hängt eine übergrosse Karte von Paris mit den Standorten der Weltausstellung 1937; durch ein Wandfenster strahlt uns das Riesengemälde «Formes circulaires» von 1930 mit seinen zwei farbenprächtigen konzentrischen Kreisformen aus dem Besitz des Kunsthauses an; und dazwischen zieht uns ein dunkler Schlund mit frühen Werken von 1908 zum Ausstellungsrundgang. Anfang und Ende finden sich.

Die frühen Porträts und Selbstporträts, eine Serie über die gotische Kathedrale St. Séverin und grautonige Pariser Stadtbilder schuf der Autodidakt und halb gelernte Bühnenbildner Robert Delaunay angeregt durch Künstlerfreunde, Traditionen und vor allem durch die unterschiedlichen Einflüsse, die im künstlerischen Hexenkessel Paris konkurrenzierten oder gerade neu erfunden wurden. Aber dann, 1910, heiratete er Sonia Uhde-Terk und fand seinen eigenen Ausdruck wie sein wichtigstes Sujet: den Eiffelturm.

Welche Dynamik, welcher Fortschrittsglaube entlädt sich in diesen Bildern! Wie ein Rakete schiesst der 1889 erbaute Eisenturm, das Sinnbild für Paris und Fortschritt, von farbigen kreisenden Wolken umgeben aus den Pariser Häuserschluchten – oft umkreist von einem Flugzeug. Malte er nicht den Eiffelturm, so liess er Kräne, Flugzeuge oder ein Riesenrad auftreten. Er experimentierte mit fast abstrakten Fensterbildern und kreierte eine Farbscheibe, die nichts anderes sein will und ist als Malerei. Weil er die geometrischen Formen freihändig umreisst und sie vor allem nicht homogen ausstreicht, sondern mit vielfältigen Verläufen malerisch behandelt, wirken die «Fenêtres» und «Formes circulaires» aus den frühen 1910er-Jahren ungemein reich.

Zeit und Zwänge

Der Erste Weltkrieg vertrieb die Delaunays aus Paris nach Spanien und Portugal, nach der Rückkehr fehlten Sonias Einkünfte aus ihrer russischen Heimat. Robert verdingte sich als klassischer Porträtmaler, Sonia schuf derweil erfolgreich radikal abstrakte Kleider und Bühnenausstattungen. Das sehen wir auf Roberts Bildnissen reicher Damen und im witzigen Film «Le p’tit parigot».

Wirtschaftlich bessere Zeiten und die Olympischen Spiele von 1924 beflügelten Robert Delaunay erneut. Bilder des Eiffelturms, grossformatige Abstraktionen und rasante Sportlerbilder entstanden. Für die Weltausstellung 1937 konnte er den Eisenbahn- und Luftfahrtpavillon gestalten (unter anderem mithilfe von Sonia). Ein Traumjob für den Technikfan, der seit beinahe 20 Jahren die Farben zum Fliegen brachte. Doch das Glück währte wieder nur kurz: Im September 1939 bricht der Zweite Weltkrieg aus, Delaunay erkrankte schwer. Bis zu seinem Tod 1941 lebten er und Sonia in Südfrankreich. Malen konnte er nicht mehr.