Verena Stössinger

Es war einmal eine Königin, die hatte keinen Kopf. Und woanders ein König, der hatte zwei Köpfe, die auch noch ständig miteinander stritten. Bis ein Chirurg kam, der den einen Kopf abtrennte und ihn der Königin auf den Hals nähte. Da waren sowohl Königin wie König endlich ganz und richtig; und sie begegneten sich, redeten miteinander und wurden glücklich.

Ein tröstliches Märchen. In Frank Wedekinds «Frühlings Erwachen», dem Stück von 1891, das erst 1906 aufgeführt werden durfte, erzählt Moritz es seinem Freund Melchior. Es macht die Sehnsucht des geplagten Schülers deutlich, das, was ihm fehlt, irgendwo zu finden, um endlich «ganz» zu sein - denn natürlich ist die Geschichte symbolisch gemeint. Moritz quält sich ja bloss durch die Schule, ist voller Ängste und Hemmungen und der sicheren Überzeugung, anders zu sein als die anderen und nicht ganz richtig, nicht der jedenfalls, der er sein sollte; aber Melchior kann ihm nicht helfen, hat selber Probleme. Und Eltern, Lehrer, Schulkameradinnen können es auch nicht, und so flüchtet er sich in den Tod, um endlich «frei» zu sein.

In der Inszenierung von Matthias Mooij am jungen theater basel nun ist es nicht Moritz (Marco Jenny), der dieses Märchen erzählt - es ist die Figur, die «vermummter Herr» heisst und von Hans Jürg Müller gespielt wird. In ihr sind Züge und Funktionen aller erwachsenen Figuren aus Wedekinds Vorlage zusammengeführt: der strengen Eltern, der zynisch weltfremden Lehrer und schliesslich des geheimnisvollen «vermummten Herrn» selbst, der bei Wedekind erst am Schluss auftritt, um Melchior (Lucien Haug) von seinem Wunsch abzuhalten, dem Freund und der naiven Wendla, die er aus jugendlichem Übermut geschwängert hat und die an der heimlichen Abtreibung starb, in den Tod zu folgen.
In Basel, in der Fassung des jungen theaters, stirbt nur Moritz; er hängt sich auf. Wendla (Annina Polivka) nimmt die «Pille danach» und bleibt am Leben. Warum sie mit Melchior gebumst hat, ohne sich zu schützen, bleibt ihr Geheimnis - denn immerhin weiss sie, was ein Präservativ ist und wie es funktioniert. Zusammen mit Martha (Nina Wagner) hat sie es uns lustvoll demonstriert: aufgeblasen, mit Haarschaum gefüllt und die weisse Wurst dann platzen lassen. Auch Marthas Probleme mit den schlagenden Eltern bleiben eher Behauptung; was aber nachvollziehbar ist und über die Rampe kommt, ist der Versuch der fünf Jugendlichen, mit ihren Sehnsüchten und brausenden Körpersäften klar zu kommen.

Die Basler Aufführung, die - wie immer an diesem Haus - von jugendlichen Laien gespielt und von erwachsenen Theaterprofis geleitet wird, geht also recht frei mit Wedekinds Stückvorlage um. Sie zieht daraus die Gefühlsturbulenzen und Konfliktfelder, löst sie vom wilhelminisch rigiden Umfeld und den Tabus und setzt dafür einen heutigen, für heute plausiblen Rahmen. Die Bühne in der Kaserne (Jean-Marc Desbonnets) ist eine etwas karge Disco, wo sich Moritz und Melchior, Wendla, Martha und die obercoole Ilse (Andrea Scheidegger) treffen, zur Schau stellen und abreagieren. Der etwas abgewrackt aussehende «vermummte Herr» ist dort der WC-Wart, der hinter allen aufräumen muss - aber er ist noch viel mehr. Doziert über die «Sexualität als Macht», «me cha sich's nid wild, gruusig und abstossend gnueg vorstelle», mahnt und tröstet («blamiere ghört derzue»); er wird um Auskunft angegangen, verachtet, gebraucht und hält alles zusammen. Er ist der, der putzt, wenn das Fest vorbei ist, die Musik ausgeht und das Tageslicht an.

Aber da hängt ja immer noch Moritz. Sein Tod hat die Kollegen nicht nachhaltig erschüttert, sie wirken eher ermattet als geschockt. Aber vielleicht ist auch das ein Abbild unserer Zeit? Dass schlimme Erlebnisse, selbst Unwiderrufliches, leichter eingeordnet und überlebt, oder wenigstens überspielt werden können? Und weggetanzt? Die jugendlichen Darsteller jedenfalls sind ausserordentlich präsent und spielfreudig, und der diskrete WC-Wart ist ihr souveräner Profipartner in einer Aufführung, die bloss einmal einen Blick in die wild chaotischen Innereien der Vorlage zulässt: in der grandiosen Alptraumszene.