«Du bisch miar au no an Luschtiga», bündnert Buchfigur Fred im Berner Stadttheater. «Es hat nie wellen! Alles hat nie wellen!», hallen die Roman-Sätze aus «Jakobs Ross» von der Bühne des Theaters am Neumarkt. Und in der Kulisse des Theaters St. Gallen hält einen Abend lang die Novelle «Frühling der Barbaren» Einzug. Die Schweizer Theaterbühnen stehen diesen Winter zwar nicht Kopf – aber auf das Buch. Genauer: auf Bücher von jungen Schweizer Autoren. Innerhalb des letzten Monats feierten mit Arno Camenisch, Jonas Lüscher und Silvia Tschui gleich drei hiesige Schriftsteller ihren theatralen Einstand.

Zugegeben: Romane boomen auf den Bühnen nicht erst seit gestern. Schon um die Jahrtausendwende huldigte das Theater seiner erzählenden Schwester. Und tat es mit solcher Vehemenz, dass die Zeitung «Weltwoche» resigniert feststellte: «Man ist bescheiden geworden: Man erwartet beinahe nichts mehr von einem Theaterabend. Schon gar nicht, dass ein Theaterstück aufgeführt wird.»

Doch wenn damals Regie-Stars wie Frank Castorf nach den Früchten im Garten der Nachbargattung Literatur griffen, wenn sie «Elementarteilchen» statt Elektra, «Meister und Margarita» statt «Medea» auf den Spielplan setzten, so hatten auch sie das theatrale Doppelleben der Bücher nicht selbst erfunden. Im Gegenteil. Romane wurden für das Theater adaptiert, seit es sie gab: Goethes Werther litt schon wenige Jahre nach seiner Erscheinung auch auf der Theater-Rampe; auch Dostojewski und Tschechow schrieben ihre Erzählungen gerne zu Dramen um. Auch umgekehrt funktionierte der Musenkuss. Etwa, wenn Friedrich Dürrenmatt aus dem Film «Es geschah am helllichten Tag» (nach einem Dürrenmatt-Drehbuch) nachträglich seinen Krimi «Das Versprechen» modellierte. Doch immer war es ein Autor, ein Dramatiker, der aus dem literarischen Stoff einen bühnentauglichen formte.

Romane als Hamsterkiste

Das ist heute anders. Neuerdings dient der Roman oft als Hamsterkiste für Themen und Thesen. Statt dass sich beide Künste also gegenseitig inspirieren, sich aus einander speisen, wird das Buch zur allein-selig-machenden Muse. Und manchmal auch zur billigen Gespielin der Regisseure, die benutzt, ausgeweidet und entstellt wird. Kein Wunder. Einen Roman den Regeln des Theaters zu unterwerfen, die literarische Dichte bühnenschlank zu trimmen, ist eine Quadratur des Kreises. Deshalb gab es für «Frühling der Barbaren» (nach Jonas Lüschers Novelle) wegen der mangelnden Verständlichkeit der Bühnenfassung mehr Tadel als Lob. Und auch bei «Fred und Franz» in Bern vermisste die Kritik den Tiefgang. «Warum trotzdem?» ist also die Frage. Warum entflammt das Theater derart für die Literatur?

Vielleicht, weil es je länger, je mehr auf der Suche ist nach neuen Stoffen – möglichst brandaktuell und zum Konzept des Spielplans passend. Ein Anspruch, den der Kreis zeitgenössischer Dramatiker rein zahlenmässig nicht leisten kann. Da hat es die ungleich grössere Autorenszene leichter. Sie liefert den Schauspielhäusern die Finanzkrise statt des Faust, die Patchworkfamilie statt der Königsdynastie und Swissness statt Sturm und Drang.

Leben und Lieben im Dialekt

Ja, die Swissness. Dass in der neuesten Schweizer Literatur im Dialekt gesprochen, geliebt und gelebt wird, dass das hiesige Idiom eine Blüte erlebt, lässt diese Texte für das Theater noch unwiderstehlicher erscheinen. Denn Arno Camenischs Kunst-Rumantsch hat die versammelte Zuschauerwelt noch nie gehört. Und wenn durch die Bühnenbearbeitung auch literarische Ebenen verloren gehen, Camenischs Sprache lässt mit ganz eigenem Klang die Bündner Berge zwischen Aare und Bundeshaus erstehen. Und wenn Silvia Tschuis Elsie im Neumarkttheater mit «rötscheligen Backen amigs eins singt», vergisst das Publikum, dass es nicht jede Kürzung versteht. Denn inmitten des heutigen Alltagstrubels tut sich ein Fenster auf in eine vergangene Zeit; mit «Puuren», Mägden und mit Sagen, dass einem «ganz gschmuch ums Herz» wird und die Schatten im Zuschauerraum geheimnisvoller erscheinen. In so einem Augenblick versteht man plötzlich. Versteht, dass die Liebe des Theaters zum Buch zwar eine Liebe mit Hindernissen ist. Aber Liebe macht bekanntlich blind. Und so viel literarisch-amouröse Blindheit sei dem guten alten Theater gegönnt.

Jakobs Ross nach Silvia Tschui. Premiere morgen, Sa., 17. 1. theaterneumarkt.ch

Fred und Franz nach Arno Camenisch. Programm: konzerttheaterbern.ch

Frühling der Barbaren nach Jonas Lüscher. Programm: theatersg.ch