Am Samstagabend hat in der Gare du Nord das Musiktheater «The Vacuum Pack» Premiere. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dmitri Kourliandski hat die Komponistin Carola Bauckholt dafür die Musik geschrieben. Die drei werdenden Musikjournalisten Elaine Fitz Gibbon, Adele Jakumeit und Daniel Schröder haben mit ihr bei den Proben über das neue Stück gesprochen, über ihre Faszination für Geräusche, und warum man manchmal besser im Badezimmer probt.

Woher kommt eigentlich Ihr Interesse für Geräusche?

Carola Bauckholt: Vielleicht hat mein Kinderwagen gequietscht? [lacht] Wichtig war die Begegnung mit John Cage – der hat schon in den 40er-Jahren mit Geräuschen komponiert. Trotzdem werden Geräusche auch heute noch als Störungen empfunden. Doch je näher man sie betrachtet, desto mehr entdeckt man. Dann treten sogar lyrische Qualitäten hervor.

Und wie wird beim Komponieren aus Alltagsgeräuschen Musik?

Geräusche lassen sich nicht kategorisieren. Sie sind komplexe Wesen, die man nur schwer begreift. Andererseits haben sie auch eine visuelle Komponente. Wenn man ein Geräusch hört, sieht man gleichzeitig, wie es erzeugt wird. Da gibt es noch viel zu entdecken, zum Glück.

Wie gehen Sie da konkret vor?

Im Alltag stosse ich immer wieder auf schöne Geräusche. Aber ich bekomme sie einfach nicht gepackt, nicht kontrolliert. Ich kriege sie noch nicht einmal klar gehört. Ein Geräusch wirklich zu erfassen und zu verstehen, das ist unglaublich schwer. Wenn es mir dann doch gelingt, frage ich mich im nächsten Schritt: Wie kann man so ein Geräusch überhaupt imitieren? Wie kann man es modulieren und formen? Deshalb arbeite ich mit Musikern zusammen. Intuitiv machen sie die Klänge im Zusammenspiel musikalisch sinnvoll. Dabei entdeckt man auch neue Spieltechniken, die das Stück bereichern.

Heute Abend hat «The Vacuum Pack» in der Gare du Nord Premiere. Aufgeführt wird diese Produktion von dem jungen Basler Ensemble Eunoia. Wie lief die Zusammenarbeit mit dem Quintett?

Normalerweise sitzen Komponisten ja allein zu Hause und versuchen ihre Ideen aus dem Hirn aufs Papier zu bringen. Aber das Ensemble Eunoia ist total daran interessiert, viel von sich beizutragen. Zu unseren Proben in der Gare du Nord habe ich nur die für das Stück zentralen Instrumente mitgebracht: Staubsauger und Pumpen. In dieser ersten Phase haben wir viel improvisiert und spielerisch nach neuen Klängen gesucht.

Staubsauger und Pumpen?

Genau, ich interessiere mich schon seit längerem für Sauggeräusche. Zwar arbeiten viele Orchesterinstrumente mit Luftdruck, aber das geht immer nur in eine Richtung. In Blasinstrumente muss man eben reinpusten. Warum kommt aber dieses Einsaugen, was ja so vielfältig in unserem Leben da ist, zum Beispiel beim Einatmen oder beim Staubsaugen, in der Musik nicht vor? Ich war dann total stolz, diese Pumpen gefunden zu haben, die ich in «The Vacuum Pack» verwende. Die sind klanglich unglaublich schön, aber schwer zu kontrollieren. So ähnlich ist das auch bei den Staubsaugern. Wenn man einen Luftballon an die Schlauchöffnung hält, macht das einen Höllenlärm. Man kann das zu Hause gar nicht üben.

Kann man sich das also so vorstellen, dass Sie zuhause eine grosse Werkstatt zum Experimentieren haben?

In diesem Fall hat mich Louisa Marxen, die Schlagzeugerin des Eunoia Quintetts, zunächst in ihren Proberaum eingeladen. Da habe ich ganz schnell gemerkt: Hier sind wir falsch, wir müssen ins Badezimmer. Dort haben wir dann sehr viel Zeit verbracht. Wir haben Wasser in die Schläuche der Pumpen gefüllt. Wenn man aber noch nicht weiss, wie viel Wasser man braucht, spritzt es einem ständig um die Ohren. Nach und nach haben wir das charakteristische Tropfen, Gurgeln und Schlürfen perfektioniert.

Und aus solchen Klängen entwickeln Sie dann das Stück?

Genau, das ist ein ganz wichtiger Punkt. Die Logik des Stücks ist bestimmt durch Klang. Alles ordnet sich dem unter. Über die Folgerichtigkeit der Klänge mache ich mir viele Gedanken. Welcher Klang ergibt sich aus den vorherigen? Welchen Klang stellt man einem anderen gegenüber? Zum Beispiel bilden Staubsauger und Posaune ein fantastisches Duo.

«The Vacuum Pack» ist als Musiktheater angekündigt, erzählt aber keine Geschichte. Zwar ist es inszeniert, es gibt aber kein Libretto. Scheuen Sie die Verwendung von Texten?

Ein Wort, das hat unglaublich Gewicht und weist von vornherein in eine bestimmte Richtung. Deswegen benutze ich gerne eine ‹Klangsprache›, die jeder mit eigenem Inhalt füllen kann.

Manche Stellen wirken regelrecht komisch, zum Beispiel die Situation, in der sich die Schlagzeugerin das Rohr des Staubsaugers an die Wange drückt und ihre Zunge hineinsteckt. Besteht da nicht die Gefahr des Klamauks?

Das muss man ein bisschen ausbalancieren. Der Klang ist natürlich irre, wenn sie die Zunge da flattern lässt, in einem Register, das ihre Stimme sonst nicht draufhat. Das ist vielleicht eine banale Stelle, aber ich liebe sie, weil sie vom Klang her so interessant ist.

Benötigt man eigentlich einen bestimmten Staubsauger, um «The Vacuum Pack» authentisch aufzuführen?

Bei den Staubsaugern habe ich tatsächlich die teuersten genommen, weil die einfach nicht so laut sind. Ich habe auch lang gebraucht, um die Staubsaugerklänge zu notieren – der eine jault zum Beispiel immer ein wenig hoch. Jeder Staubsauger hat seinen eigenen Klang. Das ist wie das ganze Stück: analog und total basic, von der Technik her ganz archaisch.

*Dieser Text entstand im Rahmen eines Musikjournalismus-Kurses der Hochschule für Musik/FHNW in Basel.