Buch um Buch nutzt Christian Haller in seinen Romanen, Erzählungen, Gedichten und Theaterstücken die Erfahrungen seines Lebens als Material zur literarischen Gestaltung. Nicht zufällig heisst sein bekanntestes, mit dem Schillerpreis ausgezeichnetes Prosawerk «Trilogie des Erinnerns». In immer wieder neuer Form begegnet er schreibend den Stationen seines Lebens.

Der neue Roman seines grossen autobiografischen Projekts beginnt dort, wo der 2015 erschienene Band «Die verborgenen Ufer» endete: mit einer Katastrophe. Ein Hochwasser hatte einen Teil seines nahe am Rhein gebauten Hauses weggerissen. In der Fortsetzung «Das unaufhaltsame Fliessen» besichtigt der Autor nun die Renovationsarbeiten. Der Bauleiter erklärt ihm, der Untergrund der abgestürzten Terrasse sei brüchig, aber der Fels daneben zum Glück gesund.

«Das erschien mir wie ein Abbild meiner Lebenssituation. Ich fühlte mich an den inneren Gegensatz erinnert, den ich als junger Mann empfunden hatte. Einerseits fand sich ebenfalls ein gesunder Fels in mir, von dem ich mich abstossen konnte. Andererseits war ein anderer Teil meiner Grund- feste zerrissen und brüchig. Und doch konnte sich mein Schreiben, das mir zur Hauptsache geworden war, nur auf sie abstützen.»

Christian Haller: Das unaufhaltsame Fliessen. Luchterhand, München 2017. 256 S.

Christian Haller: Das unaufhaltsame Fliessen. Luchterhand, München 2017. 256 S.

Unsicher in seinem Entschluss, Schriftsteller zu werden, konsultiert der gut Zwanzigjährige das alte chinesische Wahrsagebuch «I Ging», das ihm die Beharrlichkeit des Wassers empfiehlt. «Der Pfad, den ich gehen wollte, war gefährlich. Doch in der Tiefe strömte das Wasser, war ein unaufhaltsames Fliessen, das mir zeigte, wie die Schwierigkeiten überwunden würden.»

Prekäre Existenz

Sein Leben ist in der Tat nicht leicht: Er findet keinen Verleger für seine Märchen und Gedichte. Seine Arbeit als Lehrerstellvertreter und Archivar in Basel befriedigt ihn nicht, ebenso wenig wie sein auf Rat eines Freundes unternommenes Zoologiestudium. Sein grosses Anliegen, den Nachlass des chaotisch genialen Schriftstellers Adrien Turel zu sichern, kann er gegen den Widerstand der Witwe nur mühsam durchsetzen.

Auch mit den Frauen tut er sich schwer, doch seine langjährige Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Pippa hält. Da sie in Zürich wohnt, bekommt der junge Mann auch die Globuskrawalle mit, die sein politisches Interesse befeuern. Zumindest materielle Sicherheit findet er schliesslich als «Bereichsleiter Soziale Studien» bei der Gottfried Duttweiler-Stiftung in Rüschlikon. Dort begegnet er interessanten Persönlichkeiten, wird aber zermürbt durch die internen Machtkämpfe. Nach acht Jahren kündigt er und wagt als Vierzigjähriger einen Neuanfang.

Schonungslose Uneitelkeit

Ausführlich werden diese Ereignisse geschildert, die bedeutungsvollen wie die belanglosen. Manches davon will man eigentlich gar nicht so genau wissen. Doch die präzisen Details machen das individuelle Schicksal zum exemplarischen Zeitbild, und die aus dem Dunkel des Vergessens auftauchenden Bilder gewinnen an Leben.

Vor allem aber beeindruckt die schonungslose Offenheit, mit welcher der Autor sich selber als Material benutzt mit all seinen Unsicherheiten und Ängsten, seiner sexuellen Verklemmtheit, seiner frustrierten Hoffnung auf Anerkennung. Dieser bei Schriftstellern seltene totale Mangel an Eitelkeit hat etwas so Einnehmendes, dass man dem Ich-Erzähler mit Anteilnahme folgt auf all seinen Umwegen.

Zum Schluss ist die Renovation seines Hauses gelungen, «der Balkon steht hoch und gesichert über dem Strom». Doch der Lebensbericht des unermüdlichen Autors ist erst in der Mitte angelangt. Sein treues Publikum freut sich darauf, künftig auch etwas von seinen Erfolgen zu lesen, und hofft, dass dieser Quell der Erinnerungen noch lange nicht versiegt.

Lesung und Gespräch mit Christian Haller: Dienstag, 19. September, 19 Uhr, Literaturhaus Basel. Mittwoch, 20. September, 19.15 Uhr, Aargauer Literaturhaus, Lenzburg.