Ein Stück mit spärlicher Handlung und grossem Renommee: «La voix humaine» von Francis Poulenc und Jean Cocteau, die Oper für eine Stimme, wurde seit ihrer Pariser Uraufführung im Jahre 1959 schon zahlreiche Male neu aufgenommen. Nun wagt sich auch das Neue Theater Dornach an den bekannten Stoff und bearbeitet ihn in einer Koproduktion mit dem Theaterkollektiv «How to make friends». Eine Oper zweier französischer Urgesteine an einem Theaterhaus in Solothurn, kann das funktionieren?

Es kann, und dennoch ist der knapp einstündige Abend kein voller Erfolg. Das liegt aber nicht an der bescheidenen Grösse des Hauses, sondern vielmehr an der vorsichtigen und zugleich modernen Inszenierung der Regisseurin Solenn’ Lavanant Linke. In drei aneinandergereihten Boxen stellt sie unterschiedliche Lebensabschnitte dar: links die Jugend, in der Mitte die Gegenwart und rechts das Alter, die Zukunft. Dieses theatrale Triptychon sieht schön aus, funktioniert aber nur bedingt. Dies, weil die Regisseurin für ihre Umsetzung zwei Darstellerinnen hinzufügt, diese aber zu spärlich einsetzt: Ein junges Mädchen und eine ältere Dame ergänzen das Bild.

Mehr Mut zum Wagnis

Sie stehen jeweils für eine Generation, widerspiegeln die chaotische Gefühlslage und die Daseinsängste der Hauptdarstellerin, aber in ihrer beschränkten Handlungsmacht werden sie zur blossen Dekoration. Das ist schade, hätte die Regisseurin hier doch gerne mehr wagen und zu ihrer modernen Inszenierung stehen dürfen.

Die spärliche Funktion der zwei zusätzlichen Schauspielerinnen kontrastiert mit der starken Hauptdarstellerin. Maya Boog überzeugt auf ganzer Linie: Ihr klarer Sopran kommt sogar im Liegen zur Geltung, hängt mal fein schwebend in der Luft und heult dann wieder erschreckend grob. Auch schauspielerisch ist Boog ihrer schwierigen Rolle gewachsen. Die Figur der frisch getrennten Frau füllt sie mal mit Verzweiflung, mal mit Sarkasmus oder Hoffnung. Immer wieder grinst sie verstört, hängt am Telefon mit ihrem Liebsten und wirft sich panisch in die Ecke, wenn die Verbindung unterbricht.

Spürbare Verzweiflung

Das Telefon wird zu ihrer letzten Verbindung zur verflossenen Liebe, bündelt Angst, Wut und Erregung. So wird die komplette Abhängigkeit vom Telefon zur zeitgenössischen Kritik: Das Beenden von Beziehungen über das Telefon ist schliesslich nicht ungewöhnlich. «Was vorbei ist, ist vorbei», klagt die Sopranistin treffend.

Trotz dieser starken Momente bleibt die Oper in ihrer spärlichen Handlung gefangen wie die Darstellerinnen in ihren Boxen. Zum Schluss wird gar das tragische Ende der Hauptfigur nur in Worten angetönt, nicht aber inszeniert. Dem Abend wird so auch das letzte Stück Handlung genommen. Was bleibt, ist die erdrückende Verzweiflung der verlassenen Geliebten: Diese ist spürbar bis in die Knochen.

«La voix humaine» läuft noch bis 9. 12. im Neuen Theater Dornach.

Das Stück wird auf Französisch mit deutschen Übertiteln aufgeführt.

www.neuestheater.ch