Als eines der ärmsten Länder Asiens, von Naturkatastrophen ebenso getroffen wie von politischen Umstürzen, kennt man Bangladesch aus den Schlagzeilen. Als Land mit einer eigenen, hochstehenden Architekturkultur dürfte es bei uns dagegen kaum ein Begriff sein. Mit einer Ausnahme vielleicht: Mit dem Parlamentssitz in Dhaka entwarf einer der ganz Grossen ab 1963 sein Meisterstück und schuf damit einen international gefeierten Gebäudekomplex.

Bis heute stellt Louis I. Kahns Bau einen Dreh- und Angelpunkt in der bengalischen Architektur dar. Nicht einfach als Orientierung für junge einheimische Architekten, sondern als Sinnbild für die Offenheit gegenüber fremden Einflüssen. Jahrtausende des ständigen Kulturaustauschs haben das Land eingeübt, Neues willkommen zu heissen.

Der Amerikaner Kahn dankte es mit einem Bau, der in seiner reduzierten Formsprache moderne Architektur repräsentiert, der aber gleichzeitig auf traditionelles Baumaterial setzt und mit seinen schattigen Atrien für die Region typische Lösungen aufgreift.
Tatsächlich leitet sich der Bungalow mit seinem schattenspendenden Dach und der winddurchlässigen Hülle von der traditionellen bengalischen Architektur ab, von der er auch seinen Namen hat.

Es ist nicht selbstverständlich, dass man bis heute diese Urform der tropischen Architektur auch bei den neuesten Bauten in Bangladesch antrifft. Die schweren Krisen in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit hatten zumindest in der Architektur einen positiven Nebeneffekt, indem sie megalomane Stadtprojekte, wie man sie etwa aus dem arabischen Raum kennt, fürs Erste verunmöglichten. Heute ist es eine aktive Architekturszene, die sich in den ultradicht besiedelten Zentren wie Dhaka für Lösungen einsetzt, die ohne Glas, Stahl und Klimaanlage auskommen, und stattdessen auf einfach verfügbare Materialien und bewährte klimatisch angepasste Formen setzt.

Mut zum Unkonventionellen

Vor allem aber ist es ihr ein Anliegen, dem ländlichen Raum mit Schulen und öffentlichen Bauten zu mehr Attraktivität zu verhelfen, um so die Landflucht einzudämmen. Die architektonische Qualität ist dabei ebenso beeindruckend wie unerwartet. Improvisierte Gärten zur Erholung in Slums und schwimmende Schulgebäude in Flutgebieten zeugen vom Mut zur unkonventionellen Lösung.

Es ist Bangladesch zu wünschen, dass sich diese Form der Architektur weiterhin behaupten kann. Denn der Druck in den Ballungsgebieten ist enorm und manche Dorfbewohner wünschten sich lieber ein Wellblechdach fürs neue Dorfzentrum als eines aus Schilf.

Das Schweizerische Architekturmuseum gewährt weltweit erstmals einen so umfangreichen Einblick ins Architekturschaffen Bangladeschs. Die Ausstellung nimmt einen mit auf eine Reise, führt von der weissen Kühle der tropischen Moderne ins dichte Gewirr der Gegenwart, von der Stadt aufs Land und wieder zurück. Die Inszenierung überzeugt bis in die Details und dass für den über vierhundertseitigen Katalog (Christoph Merian Verlag) der Fotograf Iwan Baan gewonnen werden konnte, beweist, dass die hohen Ansprüche vollends eingelöst werden konnten.

Bengal Stream Schweizerisches Architekturmuseum, Steinenberg 7, Basel. Bis 6. Mai 2018. www.sam-basel.org