Miami ist für die nächsten Tage Hotspot der globalen Kunstszene. Die Art Basel, das internationale Flaggschiff der MCH Group, richtet zum 16. Mal die Art Basel Miami aus. Erwartet werden Rekorderlöse, der Kunstmarkt brummt. Die Bedeutung von Messen ist gegenüber von Auktionen noch gewachsen.

Kunst ist allerdings längst nicht mehr der exklusive Ort als Betätigungsfeld für Eingeweihte. Der Sammler von heute muss nicht mehr über tiefgründigen Kunstverstand verfügen, umso mehr aber über üppige finanzielle Mittel, denn die Preise sind explodiert. Die Künstler und ihre Vermarkter leben davon so gut wie nie zuvor. Sie sehen jedoch ihren intellektuellen Anspruch durch die Ausweitung des Marktes gefährdet. Die «Kunstkollektion als Persönlichkeitsprothese» pathologisierte kürzlich die «NZZ» die geldgesteuerte Sammlermanie.

Dass die Kunstmarktblase in den nächsten Jahren implodiert, wird in keiner der zahlreichen Kunstmarktstudien erwartet. Denn die globale Zahl der Reichen, die über verfügbare Mittel von über einer Million Dollar verfügen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 14 Millionen Personen verdoppelt, und sie wird weiter steigen. Rund 170 000 Personen oder drei Prozent mehr als im Vorjahr gehören zur Gilde der Superreichen mit verfügbaren Mitteln von über 30 Millionen Dollar.

Studien von Banken und Versicherungen, die sich auf die sogenannten High Net Worth Individuals stürzen, zeigen: Reiche Leute legen rund sechs Prozent ihres Reichtums in «Passion Investments» an. Sie investieren in Luxus, der ihnen emotionale Befriedigung verspricht. Kunst ist dabei nur eine Form, um mit Leidenschaft Geld auszugeben. Der World Wealth Report von Capgemini zeigt: Anteilsmässig noch vor Kunst (16,9 Prozent) rangieren die Kategorien Autos/Boote/Jets (20,7), Münzen/Wein/Antiquitäten (21,4) und Schmuck/Edelsteine/Uhren (29,2).

Kunst verfügt weiterhin über den höchsten Prestige-Faktor. Kai Kuklinski, Spezialist im Versicherungskonzern AXA, stellte aber kürzlich fest: «Der neue Sammlertyp entwickelt sich mit dem immer breiteren Angebot von Kunst, Design und anderen wertvollen Sammlungsgegenständen.» Er werde zum «Cross Collector».

Neulancierung und Akquisition

Die MCH Group antizipiert die Entwicklung. International Aufsehen erregt hat sie zwar vor allem durch die Lancierung einer dritten Art Basel in Hongkong und die Übernahme von regionalen Kunstmessen in New Delhi und in Düsseldorf. Bereits einige Jahre zuvor hat sie jedoch die ehemalige Parallelmesse Design Miami übernommen und damit das Spektrum von Kunst auf Design ausgeweitet.

Im Verlauf dieses Jahres hat sie weitere Pflöcke eingeschlagen für die Erweiterung ihres Sortiments an Sammlermessen. So wird im kommenden September unter dem Label «Grand Basel» der erste Salon für die «wertvollsten Automobile der Welt» lanciert. Nicht zufällig erzählt die Medienmitteilung, die Autos würden «im kulturellen Kontext von Design, Architektur und Kunst» präsentiert. Die konzeptionelle Nähe zur Art ergibt sich auch daraus, dass die Messe zusätzlich in Miami wie in Hongkong stattfinden soll.

Vergangene Woche hat die MCH Group den Kauf einer Mehrheit an der Masterpiece London Ltd. kommuniziert. Die Veranstaltung, die seit 2010 im historischen Royal Hospital Chelsea stattfindet, ist explizit für das «Cross Collecting» angelegt. Das Angebot der ausgestellten «Collectibles» reicht von alter und neuer Kunst über Antiquitäten und Design bis zu Schmuck. Sie bedient eine Klientel, die sich eine Inneneinrichtung mit ausgewählten Sammlerstücken leisten kann und die, statt einen Innendekorateur zu konsultieren, ein gesellschaftliches Event besucht.

Philip Hewat-Jaboor, Chef der Masterpiece, kündet an, bereits im Januar über eine weitere Masterpiece-Messe in den USA berichten zu können. Auch eine Messe in Asien und im Mittleren Osten werde geplant, erzählt Hewat-Jaboor vor Eröffnung der Art Basel Miami. Wie das Konzept in die Strategie der MCH Group passt, sagt Direktorin Lucie Kitchener in einem Blogeintrag: «Die Strategie der MCH, Veranstaltungen für Sammler auf der ganzen Welt anzubieten, passt perfekt zu unseren Wachstumsabsichten.»

In die Reihe der Sammlermessen könnte sich auch die Baselworld einreihen, die als luxuriöse Industriemesse ausgedient hat, sich jedoch durchaus als verkleinerte Luxusmesse für Uhren- und Schmuck für ein reiches Publikum neu erfinden könnte.

Es droht die Lifestylefalle

Der Weg aus der Kunstfalle könnte jedoch leicht in die Lifestyle-Falle führen. Schon heute ist der Glamour-Faktor in Miami so wichtig wie der Kunstfaktor. Louis Vuitton präsentiert im Messeumfeld eine neue Kollektion, Audemars Piguet zeigt Kunst, Gucci eröffnet einen Flagship-Store. Es könnte ein Abrutschen in die niederen Sphären der Millionärs-Messen drohen, die vor zehn Jahren mit teurem Nippes neureiche Oligarchen aus Russland und Öl-Milliardäre aus dem Nahen Osten lockten. Doch dies soll nicht geschehen, sagt Noah Horowitz, Leiter der Art Basel Miami, gegenüber dem «Hollywood Reporter»: «Wir konzentrieren uns auf Leute, die seriöse und aktiv engagierte Sammler sind.»