Ob man will oder nicht– jede Aktion im Internet hinterlässt digitale Spuren. Das müssen gar keine gezielt verfassten Forumsbeiträge sein, Tweets auf Twitter oder Statusmeldungen auf Facebook. Jede Googleabfrage und jeder Besuch einer Website wird auf irgendeinem Server irgendwo auf der Welt registriert. Und da jeder Computer eine IP-Adresse hat, die wie eine Visitenkarte funktioniert, die wir auf allen unseren Netzspaziergängen an jeder Ecke hinterlassen, gibt es rein theoretisch über jeden Internetnutzer virtuelle Profile, von denen viele nichts ahnen oder nichts ahnen wollen. Dieses «Big Data»-Phänomen beschäftigt Politiker, Netzaktivisten und jetzt auch Künstler. In «Poetics and Politics of Data», der neuen Ausstellung im Haus der elektronischen Künste (HeK), werden verschiedene Positionen präsentiert, die den kontinuierlichen Datenstrom und verschiedene damit in Verbindung stehende Phänomene auf unterschiedliche Weise anschaulich machen. Darunter sind netzbasierte Installationen, Videos, Karten und Grafiken, welche die Ambivalenz gegenüber dem Leben in einer «datifizierten» Welt spiegeln.

Die Amerikanerin Lyn Morone tut dies auf eine besonders unkonventionelle Art. Sie hat ihre eigene Firma gegründet, die «Jennifer Lyn Morone Inc», mit der sie selbst zur Akteurin der globalen Datenökonomie wird: Denn was sie bzw. ihre Firma verkauft, sind Anteile der von ihr im Netz vorhandenen Daten. Dies geschieht symbolisch in Form von zu erwerbenden bunten, kreditkartengrossen Plastikkarten, die bewusst an die iTunes-Karten erinnern sollen, die als Debit-Karten im iTunes-Store verwendet werden können.

Ellie Harrison thematisiert die Selbstdokumentation, der man auf Facebook, Twitter oder Instagram ständig begegnet: Als Teil anderer Arbeiten, die nicht im HeK gezeigt werden, hat sie beispielsweise über eine längere Zeit hinweg jede einzelne Tasse Tee, die sie getrunken hat, fotografisch dokumentiert, genauso jedes Essen, das sie zu sich genommen hat. Auch in der in dieser Ausstellung gezeigten Arbeit präsentiert sich die Künstlerin als exzessive Datensammlerin ihrer selbst. Während vier Tagen hat sie jede einzelne ihrer täglichen Arbeiten protokolliert, auch den Ort, an dem sie die jeweilige Tätigkeit ausgeführt hat: Etwa Computerarbeit, Finanzen, Faulenzen, Essen, Schlafen und anderes mehr. Das ganze hat sie auf einer grafisch umgesetzten Timeline festgehalten. Interessant sind hier die schraffierten Zeitfenster, die anzeigen, dass zwei oder mehr Aktivitäten gleichzeitig ausgeführt wurden. Das spiegelt ein typisches Phänomen unserer Gesellschaft: durch die zunehmende Mobilität, das praktisch flächendeckend verfügbare Internet und unsere mobilen Arbeitsgeräte kommt es immer häufiger zu «Hybridsituationen», in denen man etwa online seine Finanzen erledigen und gleichzeitig einen Kaffeeklatsch halten oder in der Sonne faulenzen kann.

Das Designstudio Moniker präsentiert eine Online-Uhr, die zur aktuellen Uhrzeit entsprechende Twitter-Feeds anzeigt und damit Nutzer-Aktivitäten aus aller Welt in den Ausstellungsraum bringt. Den sozialen Aktivitäten im Netz widmet sich die Arbeit von Christopher Baker, der in seiner Videoinstallation «Hello World! or: How I Learned to Stop Listening and Love the Noise» Hunderte von Video-Tagebüchern aus dem Internet nebeneinander zeigt und zu einem Stimmendurcheinander kombiniert. Auch hier spiegelt sich eine Ambivalenz oder mehr noch eine Widersprüchlichkeit der Bedürfnisse heutiger Internetnutzer: Jene, die so viele eigene Statements schriftlich oder gar als Videobotschaften in den Äther schicken, wollen doch gehört werden und auf irgendeine Art ihre Besonderheit und Individualität hervorheben – doch gerade durch diesen Akt gehen sie unter in einem Meer Hunderter anderer, die dasselbe tun.

Auch der Schweizer Marc Lee greift in seiner Arbeit «Pic-me» auf die Bildproduktion im Internet zurück und verknüpft Instagram-Posts mit den geografischen Daten der User. Durch seine Art der Datenverknüpfung und -visualisierung sehen Besucher, wie unglaublich schnell man auch mit der kleinsten Online-Aktivität lokalisiert werden kann – egal wo auf der Welt.

Die sehr vielseitige und zum Nachdenken anregende Ausstellung im HeK ist eine interdisziplinär angelegte Zusammenarbeit des HeK mit dem Institut für Experimentelles Design und Medien-Kulturen der Hochschule für Gestaltung und Kunst FHNW, dem Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-SWISS sowie Opendata.ch, dem Swiss Chapter der Open Knowledge Foundation.

Ausstellung im Haus der elektronischen Künste (HeK) am Freilager-Platz 9 (Dreispitzareal) bis zum 30. August 2015. Die öffentliche Vernissage findet heute um
19 Uhr statt – mit Musikperformance und Essen. Öffnungszeiten: Mi–So 12–18 Uhr (freier Eintritt Mi–Fr 12–13 Uhr), öffentliche Führungen: sonntags 15 Uhr. Zur Ausstellung erscheint im Christoph Merian Verlag eine Publikation mit zahlreichen Abbildungen der Arbeiten sowie mit das Thema weiter vertiefenden Texten. Das Buch ist ab Juni erhältlich.