Die Geschichte von Alessandro Graf von Cagliostro bietet Stoff für vieles: Abenteuerroman, Lovestory, Verschwörungstheorie, Revolutions- und Medizingeschichte. Es ist die Biografie eines Hochstaplers, selbst ernannten Adligen und Promis des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Seine Geschichte spielt in der Zeit grosser Umbrüche. Die Aufklärung bringt das christliche Weltbild ins Wanken. Die Französische Revolution steht vor dem Ausbruch. Die Intelligenzija des Kontinents trifft sich in konspirativen Salons und geheimen Logen, um neue Philosophien zu verhandeln. Die Freimaurer und Illuminaten werden zur treibenden Kraft der antiklerikalen Aufklärung. Cagliostro war eine schillernde Figur in dieser Welt – und hat auch in Basel bleibende Spuren hinterlassen. Heute Abend wird im Pharmaziemuseum der Universität Basel ein Buch vorgestellt, das ihm gewidmet ist (siehe Box).

Eine rätselhafte Figur

Schon zu Lebzeiten kursieren über Cagliostros Identität zwei unterschiedliche Versionen. Die eine stammt von ihm selbst: Er kenne weder seinen Geburtsort noch sein genaues Alter noch seine Eltern. Der Mufti Salahaym aus Medina habe ihn grossgezogen. Der Gelehrte Althotas habe ihn in die Geheimnisse der Medizin eingeweiht. Auf Reisen durch Afrika und Asien sei er mit uralten religiösen Lehren in Kontakt gekommen. Er sei ein Eingeweihter des Ordens der Malteserritter.

Die zweite Version hat die römisch-päpstliche Inquisition verfasst. Warum genau, dazu später mehr. In dem 1791 in ganz Europa verbreiteten Traktat der Kirche wird der Graf als Giuseppe Balsamo entlarvt, ein Betrüger und Scharlatan aus Palermo, dem der halbe Kontinent auf den Leim gegangen sei. Ein gefährlicher Revolutionär, der als Freimaurer und hochgradiger Meister des Illuminaten- ordens massgeblich an den Vorbereitungen und an der Finanzierung der Französischen Revolution beteiligt gewesen sei.

Die Glaubwürdigkeit dieser Version ist ebenso anzuzweifeln wie der abenteuerliche Lebensentwurf Cagliostros. Die Inquisition hat die Aussagen für das Traktat dem 48-Jährigen während einer 15 Monate dauernden Haft durch Folter entlockt.

Tatsache ist, dass der junge Cagliostro die wohlhabende Römerin Seraphinia Lorenza Felichiani heiratet und mit ihr Europa bereist, um seine Heil- und Geisteskunde zum Wohle der Menschheit zu verbreiten. Das schillernde Paar pflegt einen exklusiven Lebensstandard, zieht von Salon zu Salon, ist zu Gast bei Königen und Kardinälen und in so manchem Bürgerpalast. Cagliostro demonstriert seine alchemistischen und medizinischen Künste, verkauft Liebestränke, Jugendelixiere, Schönheitsmixturen und alchemistische Pulver.

Zur Exotik seiner Figur gehört, dass er ein schwer verortbares, aber doch verständliches Kauderwelsch aus Französisch, Italienisch, Latein und orientalisch klingenden Worten spricht. Eine beliebte Show ist seine Hydromantie-Nummer: Er lässt noch nicht geschlechtsreife Mädchen oder Jungen in eine mit Wasser gefüllte Kristallkaraffe blicken und wahrsagen.

Das tönt für Ohren des 21. Jahrhunderts abenteuerlich. Rationalität und Naturwissenschaften hatten zu dieser Zeit jedoch noch einen schweren Stand. Geheimwissenschaften und orientalische Geschichten waren en vogue. So ist es erklärbar, dass der 1777 in London in die Freimaurerei eingeführte Cagliostro bald darauf seinen eigenen Orden zur Geschäftsbasis machen konnte. Seine «ägyptische Freimaurerei» war ein buntes Gemisch aus altägyptischem, persischem, jüdischem, christlichem und hermetischem Gedankengut. Der begnadete Selbstdarsteller wusste dieses zu verkaufen. Er öffnete als erster seine Loge kostenlos für Frauen und liess die Männer bezahlen. Ein einträgliches Geschäftsmodell, auch wenn bis heute nicht ganz klar ist, wie der Graf und die Gräfin ihr rauschendes Leben finanziert haben. Der Graf hat zwar Rezepturen, aber keine Buchhaltung hinterlassen. Dass er in Basel war und hier einen Ableger seines Ordens gründete, ist jedoch verbrieft.

Cagliostro und die Sarasins

Jakob Sarasin und seine Gemahlin Gertrud Sarasin-Battier gehörten damals zur Haute-Volée in Basel. Die Einkünfte aus der Produktion von Seidenbändern und aus dem Bankgeschäft liessen Raum für politisches und gesellschaftliches Engagement. Das Ehepaar war einerseits eng verbunden mit den aufklärerischen Kräften der Schweiz, wie der Helvetischen Gesellschaft. Andererseits pflegten sie einen Hang zum Okkulten. Dass Cagliostros Medizin Gertrud von einem Leiden erlöst hat, trug dazu bei, dass sich die beiden Paare eng befreundeten.

Die Sarasins holten den mittlerweile für seine medizinischen Künste europaweit berühmten Mann nach Basel. Der Auflauf vor dem Weissen Haus beim Rheinsprung soll gross gewesen sein. Die ganze Stadt wollte einen Blick auf den geheimnisvollen, okkulten Grafen werfen.

Doch lange hielt es den «Grossen Kophta», wie Cagliostro von seinen Anhängern genannt wurde, nicht am Rhein. Über Strassburg gelangten er und seine Frau nach Paris. Als Cagliostro dort ankam, war sein Auftritt bereits in allen Salons und Logen gefragt. Den Zenit seiner Bekanntheit erlangte er dadurch, dass er 1785 an der Seine die erste reine Frauen-Loge namens «Isis» inaugurierte. Das förderte nicht nur seinen Bekanntheitsgrad, sondern auch die Anzahl seiner Feinde.

Im Zusammenhang mit der «Halsbandaffäre», einer komplexen Intrigengeschichte um königliche Juwelen, wurde er angeklagt und eingekerkert. Das Gericht sprach ihn zwar frei. In der französischen Regierung hatte er jedoch einen mächtigen Feind gewonnen. Das Paar musste Frankreich verlassen. Die von Paris aus gesteuerte mediale Diffamierungskampagne brachte seinen eh schon zweifelhaften Ruf ins Wanken. Bald darauf war er in halb Europa eine unerwünschte Person.

Die «Grande Loge» von Basel

Nicht so in Basel. Dort erfüllt sich 1787 der lang gehegte Traum der Sarasins. Der Meister selbst weiht den im Weissen Haus errichteten Tempel der «Grande Loge Mère Egyptienne des Pays Helvètiques de la Vérité Victorieuse au Grand Orient de Basle» ein. Der Graf wird in die Helvetischen Gesellschaft eingeführt. Er und Seraphinia können sich mithilfe der Sarasins für ein Jahr in Biel niederlassen.

Aber ihre Odyssee durch Europa reisst nicht ab. Letztlich flüchtet das Paar in die Heimat, nach Rom. Kaum dort angekommen bricht in Paris die Revolution aus. Das Gerücht, dass die Freimaurer dabei eine treibende Kraft gewesen seien, lässt jeden ihrer Anhänger in Klerikeraugen als Staatsfeind erschienen. Cagliostro wird der Verschwörung und Häresie angeklagt und nach besagter Folter zum Tode verurteilt. Der Papst begnadigt ihn, wohl wegen des für die Kirche publizistisch gut ausschlachtbaren Geständnisses. 1795 stirbt Cagliostro an den Folgen der Kerkerhaft, Seraphinia wird in ein ländliches Kloster verbannt. Die ägyptische Basler Loge wird 1796 ein letztes Mal erwähnt.