«Eins kann ich Ihnen sagen», legte er in seinem Prosastück «Meine drei Stichwortgeber» gleich mit dem ersten Satz mächtig los. «Elf Jahre an einem einzigen Buch zu schreiben, ist finanziell tödlich, geistig und physisch ein Schlag ins Genick, die Hölle für die eigene Familie und eine Zumutung für alle Beteiligten – kurz, ein unentschuldbares, unanständiges Verhalten.»

Wolfe spielte damit auf die langen Jahre der Schreibarbeit an seinem Roman «Ein ganzer Kerl» an. Der Text findet sich in dem 2001 unter dem Titel «Hooking Up» erschienenen Band – und erweist sich als grandiose Übertreibung. So wie übrigens das Meiste im literarischen Gesamtwerk des in New York verstorbenen amerikanischen Übertreibungskünstlers Tom Wolfe. Denn Wolfe, den der Londoner «Guardian» einst als «Amerikas grössten Satz-für-Satz-Angeber» halb schmähte, halb pries, strebte stets nach dem Allergrössten, dem Extraordinären. Seine Bücher verstand er regelmässig als literarische Vorschlaghammer, mit denen er alle zehn Jahre die amerikanische Gegenwartsliteratur zu pulverisieren gedachte, getreu seinem Motto: Weg da, jetzt komm ich!

Verve des Dandy

Und tatsächlich brachte dieser passionierte Selbstdarsteller, der seine cremefarbenen Anzüge, die dazu passenden Hüte und Schuhe bis zuletzt mit der exhibitionistischen Verve eines aus der Zeit gefallenen Dandys trug, regelmässig frischen Wind in die amerikanische Gegenwartsliteratur. Denn als Mitbegründer des sogenannten «New Journalism», der das «Ich» als neue feste Grösse im Text etablierte und ihm dadurch bis dato ungeahnte Dimensionen eröffnete, gelang es Wolfe als vielleicht Erstem seiner Zunft, den angesagten Journalismus mit der Literatur zu etwas Neuem, Atemberaubendem zu amalgamieren.

Das Resultat waren rasante, in schnoddrigem Gestus abgefasste Glanzstücke, die Nicht-Fiktionales mit klassischem Erzählen mischten – und in denen sich ein neues popkulturelles Amerika artikulierte. Angefangen bei seinem grossen Roman «Fegefeuer der Eitelkeiten» von 1987, in welchem er der in den Achtzigerjahren grassierenden Geldgier der Wallstreet-Haie in der Gestalt Sherman McCoys ein erkennbares fratzenhaftes Antlitz verlieh – und ganz nebenbei in Bildern und Episoden von magischer Schärfe dem moralisch verlodderten Reagan-Amerika die Leviten las. «Rebellion» nannte er die letzte Geste des Gläubigen. An sie hat er bis zuletzt geglaubt.

Wolfe, 1931 in Richmond, Virginia geboren, avancierte früh mit Weggefährten wie Hunter S. Thompson, Gay Talese oder Truman Capote zum Erneuerer der im Geist der Faulkner und Kerouac festgefahrenen amerikanischen Erzählliteratur. Lustvoll überführte er den zeitgenössischen Zeitungsjournalismus in die Popkultur, in die Literatur, indem er neue Themen auf die Agenda setzte – und seine Texte wie Filme oder Popsongs inszenierte. Mit kühnen Reportage- und Essay-Bänden wie «Das bonbonfarbene tangerinrot gespritzte Stromlinienbaby» (1968), «Das silikongespritzte Mädchen und andere Stories von Amerikas rasendem Reporter» (1968) oder «The Right Stuff» von 1979 erschrieb Wolfe sich den Ruf des genialen Aufschneiders, der selbst winzigste Alltagsgeschichten zu grosser Literatur aufzublasen vermochte.

Den Updikes und Norman Mailers jener Jahre, den Platzhirschen der gehobenen US-Literatur, war das exaltierte Grossmaul Wolfe bis zuletzt ein Dorn im Auge. Sie hielten ihn für einen Aufschneider und literarisch eher zweitklassigen Showman. Doch mit seinen ziegelsteindicken Sturmangriffen auf ihre Bücher brachte er sie regelmässig zum Verstummen. Man denke nur an seine Epen «Ein ganzer Kerl» oder «Ich bin Charlotte Simmons», mit denen er gekonnt demonstrierte, wie stilistisch anmassend, intellektuell funkelnd und unterhaltsam zugleich eine Literatur sein kann, die sich nicht scheut, mit all jenen Versatzstücken zu operieren, mit denen das zeitgenössische US-Kino lange schon Triumphe feierte.

Gedrucktes Kino

So avancierte der schmale, lautsprecherische Dandy ganz nebenbei zum Vorreiter jener kapitalen Serien-Erzählung, mit welcher die grossen US-Streaming-Dienste Netflix oder Amazon den Tod des klassischen Fernsehens eingeläutet haben. Denn Wolfe lesen hiess stets, gedrucktes Kino zu konsumieren; Stories, die sich vor dem inneren Leserauge abspulen wie bestes Unterhaltungskino. Und ihn dabei als messerscharfen Zeitdiagnostiker auswiesen. «Kunst ist wahrer als die Wirklichkeit» hat er einmal gesagt. Nur eine von zahllosen Einsichten, denen er stur gefolgt ist.

Zuletzt war es still geworden um den exaltierten Selbstdarsteller. Nun ist Wolfe in höhere Sphären abberufen worden. Hier unten wird sein Platz auf absehbare Zeit leer bleiben. Da oben aber gehört ihm die Show nun ganz allein. Davon hat er wahrscheinlich immer geträumt. Manisch, wie er sein konnte. Und genial.