#085 Dare Orange – so heisst die Spraydose, die der Farbenhersteller Molotow auf dem Markt vertreibt. Welche Ehre für einen Sprayer – eine Farbe, die seinen Künstlernamen trägt: Dare. Es sind farbige, schwungvolle Schriften, oft die Buchstaben D A R E in verschiedensten Formen und Figuren, die dem Betrachter seiner Graffiti entgegenstrahlen. Buchstaben und Schriften waren es denn auch vor allem, die dem gelernten Schriften- und Reklamemaler Sigi von Koeding zu internationaler Anerkennung in der Graffiti-Szene verhalfen.

«Dare» – «wagen» oder «trauen» – dieser Name war ihm Programm. Er wagte viel in seinem Leben; als Jugendlicher sprühte er nachts Graffiti, Anfang der 90er-Jahre machte er seine Leidenschaft zum anerkannten Beruf und wagte damit den Schritt in die Selbstständigkeit. Dazu gehörte auch, dass er sich entschloss, seine Graffiti nicht mehr nur heimlich an Mauern und Wänden anzubringen, sondern sie auch mit Pinsel und Spraydose auf Leinwand aufzutragen, ihnen so zu Dauerhaftigkeit zu verhelfen – und einen Markt für Graffiti zu eröffnen. Von Koeding konnte sich so teilweise seinen Lebensunterhalt verdienen, aber die Sprayerszene hatte dafür zunächst wenig Verständnis. Auf Leinwände statt auf öffentliche Mauern zu malen, das galt als Verrat an der Sache, auch der Entscheid, diese Kunst zu verkaufen, provozierte.

Kleinunternehmer mit Spraydose

Aber von Koeding entdeckte noch eine weitere Möglichkeit, mit seinen Arbeiten öffentliche Anerkennung zu finden. Auf seine Anfrage hin stellten ihm ab 1990 verschiedene Gemeinden Wände für seine Graffiti-Arbeiten zur Verfügung. Eine Win-win-Situation: Zum einen konnte er legal arbeiten und wurde erst noch von der öffentlichen Hand bezahlt. Zum anderen verhinderte ein Graffito von der talentierten Hand eines Dare, dass in den Gemeinden Wände wild und illegal versprayt wurden. Denn unter Sprayern gilt das ungeschriebene Gesetz, ausgezeichnete Graffiti stehen zu lassen. Qualitativ minderwertige Tags und Bilder jedoch werden nicht verschont. Auch Unternehmen liessen nun ihre Aussenwände mit Graffitikunst von Dare besprayen. 2007, bereits fest etabliert, erhielt Dare sogar den Auftrag, eine Wohnung von Gunter Sachs zu gestalten.

International anerkannt

Sigi von Koeding, geboren 1968, hatte seine Jugend ohne Internet, Facebook oder Youtube verbracht. Umso beeindruckender ist, wie er sich damals schon mit der internationalen Graffiti-Szene vernetzte und hier eine wichtige Rolle spielte. Er reiste nach München, Dortmund, Amsterdam und Paris, machte sich mit der dortigen Szene bekannt und nahm an sogenannten Jams teil, wo gesprayt, diskutiert und Kontakte geknüpft wurde. 1992 reiste Dare in die USA, sprayte in der Bronx und lernte auch dort wichtige Graffiti-Künstler kennen. Dieses einzigartige Netzwerk fand Beachtung durch verschiedene Ausstellungen, die von Dare oder mit seiner Hilfe organisiert wurden. Im grenznahen Weil-Friedlingen ermöglichte ihm das Unternehmen Carhartt, im oberen Geschoss einer neuen Verkaufsstelle das Konzept einer Galerie zu erstellen.

2010 verstarb Sigi von Koeding, erst 41-jährig, an einem Hirntumor. Ganz in der Nähe von jener Galerie Colab, aber auf der Schweizer Seite des Rheins, findet nun eine Gedenkausstellung statt. Sie wurde von Julien Kolly (Kolly Gallery Zürich) und Yvette Amann kuratiert. Sie, von Koedings Mutter, kümmert sich intensiv um sein Werk.

Neben vielen Leihgaben und Fotos von Dares Graffiti sind seine Skizzenbücher in filmischer Reproduktion zu sehen. Anlässlich der Ausstellung erscheint auch die Monografie zu Sigi von Koedings Werk, unter anderem mit Texten der Kunsthistoriker und Kuratoren Dieter Buchhart, Kurt Aeschbacher und Yvette Amann.

Ausstellung «Dare Sigi von Koeding, in Memoriam». Ort: Brasilea Stiftung, Westquaistrasse 39, Basel.

Vernissage: 31. März 18–21 Uhr, Laudatio von Katrin Grögel (Abteilung Kultur, Präsidialdepartement Basel-Stadt) und Buch-Vorstellung «DARE to be different. Sigi von Koeding, 1968–2010»

Die Ausstellung ist vom 1. bis 3. April jeweils 12 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.