Florence schwebt hoch oben in der Luft. Ihr schlanker Körper schlingt sich anmutig um den Reifen. Sie schwingt in weiten Kreisen über die Bühne, im Takt der sanften Klaviermusik. Es knirscht und knarzt seltsam. «Is that okay?», fragt die Französin den Rigger und schaut skeptisch auf die Seilkonstruktion hoch oben im Zirkuszelt.

Der Rigger ist der Verantwortliche für die Bühnentechnik, stellt Ketten, Rädchen und Haken ein. 14 Nummern muss er sich in diesen vier Probentagen für die Shows des International Circus Festival Young Stage einprägen. 40 Artisten aus 9 verschiedenen Ländern kommunizieren mit ihm, versuchen zu erklären, wann sie welche technische Unterstützung für ihre Nummer brauchen. Alles muss leicht und fliessend aussehen. Doch eine falsche Bewegung, eine falsche Richtung in all den «ups» and «downs» – und eine Karriere könnte beendet sein. In seinen Händen liegt das Leben der Luft-Artisten.

Doch daran denkt hier erst einmal niemand. Vertrauen muss da sein, in die Technik, ins Personal. Wer nervös ist, überspielt es. Oder sucht sich in der Crew einen Assistenten.

Grösstes Schweizer Talent

Wie Jason Brügger. Der Sieger der SRF-Show «Die grössten Schweizer Talente» aus Allschwil fühlt sich nicht sicher. Seine Nummer mit den Strapaten ist komplex. Er muss sich mit ganzer Kraft in die Seile hängen können, hineinspringen, hochschweben, Pirouetten drehen, fliegen.

Doch der Rigger versteht nicht genau, was Jason für seine Nummer braucht, die Zeit wird knapp, Jasons Kräfte auch. Schliesslich bittet Jason ein Crew-Mitglied, dem Rigger zu assistieren, neben ihm zu stehen, die Nummer genau zu beobachten und die Kommandos für das elektrische Zugseil zu geben: «Jetzt up! Warten. Jetzt down!» Vier Augen sehen mehr als zwei.

Jason Brügger und Florence Amar sind zwei von nur drei Luftnummern im diesjährigen Programm des Young Stage Festivals. 431 Bewerbungen aus 54 Ländern habe sie für die achte Festivalausgabe bekommen, sagt Nadine Hauser, Festivaldirektorin und Produzentin. Nur die Besten werden genommen, die mit Weltklasseniveau; und die, die eine Geschichte erzählen können mit ihren Nummern.

Rege Basler Zirkusszene

«Zirkus ist Kultur, ebenbürtig mit Theater und Tanz», sagt Nadja Hauser, und deshalb sei das Young Stage Festival in Basel stationiert: Denn Basel sei eine Kulturstadt. Und mit einer regen Zirkusszene – zumindest im Kinderbereich. In der Profi-Ausbildung fehlt es noch an einer Schule in der Schweiz.

Die hier angereisten Künstler kommen aus den Schulen in Frankreich, Belgien und vor allem Kanada. Bereits im Teeangeralter müssen sich die jungen Talente entscheiden, ob sie das wirklich wollen: mit 14, 16 oder spätestens 18 Jahren ins Ausland gehen, an eine strenge Schule. Hart trainieren, gesund leben, wie Profisportler.

Auch Jason Brügger hat in Kanada das Artistenhandwerk gelernt. Angefangen hat der Allschwiler aber im Kinderzirkus Basilisk. Er ist ganz ausser Atem nach seiner Übung.

Seine Nummer ist kräftezehrend, das merkt man ihm an. «Ich mache alles im Drehen», erklärt er die besondere Schwierigkeit seiner Nummer. Freien Spagat, Pirouetten, Überschläge, und immer drehen, drehen, drehen.

Aber wichtiger sei etwas anderes: «Ich muss präsent sein, eine Geschichte erzählen. Dabei das Gleichgewicht halten und die Konzentration, die Kraft, die Beweglichkeit – alles, ohne dass es anstrengend aussieht.» Vier Stunden trainiert er am Tag, mindestens. Für seinen Traum, die Grenzen seines Körpers auszutesten. Ganz hoch oben in der Luft zu schweben. Die Schwerkraft zu besiegen.

Das möchte auch Florence. Nervös ist sie nicht. Sie wartet geduldig, bis der Rigger selbst über das Zeltdach nach oben klettert, um nachzuschauen, was da oben so knarzt. Vielleicht muss Florence kleinere Kreise mit ihrem Reifen schwingen. Solche Anpassungen gehören zum Artistenberuf dazu. Jede Bühne ist anders, schwingt anders, ist flexibel oder starr. Manche sind bei schwierigem Untergrund sogar ein kleines bisschen schief.

Einer der Jongleure braucht zudem eine blitzblanke Bühne, weil schon die kleinsten Staubkörnchen seine Bälle rutschen lassen. Ein anderer Artist muss kürzere Seile verwenden als gewohnt. Die Probe ist schon anderthalb Stunden hinter dem Zeitplan.

Pasta für Hochleistungssportler

Doch jetzt geht er erst einmal zum Mittagessen ins Kantinenzelt. Die Jugendherberge St. Alban liefert die Mahlzeiten. Eigentlich sei das Essen zu schwer, sagen manche. Es enthalte zu viele Kohlenhydrate, zu wenig Proteine. Heute gibt es Pasta mit Tomatensosse; doch die meisten nehmen davon nur wenig. Ergänzen mit Salat, Früchten. So streng wie in der Modelszene sei die Ernährung zwar nicht, aber eine gesunde Lebensweise sei unabdingbar für diesen Hochleistungssport, sagen Crewmitglieder.

Die Pasta tut der Stimmung keinen Abbruch. Die jungen Artisten blödeln, lachen, geniessen das Zusammensein. Viele kennen sich bereits von den Artistenschulen. Und sie sind ausgelassen, weil sie hier ihrem Traum bereits ganz nah sind. Sie haben es in die enge Auswahl geschafft, dürfen sich den Zirkusdirektoren und den Produzenten vorstellen. Fast jeder wird mit einem Engagement nach Hause gehen.

«Diese jungen Artisten haben einen Traum, und den verfolgen sie mit absoluter Willensstärke», sagt Festivaldirektorin Nadja Hauser. Und das ist es, was sie so fasziniert – und was auch sie pusht, all die Anstrengungen um Organisation und Sponsorensuche für das Festival auf sich zu nehmen. Der Erfolg gibt ihr Recht: Nahezu alle Shows sind bereits ausverkauft.

Circus Festival Young Stage Rosenthalanlage, Basel. 20. bis 23. Mai. Restkarten für die Generalprobe am Do, 19. Mai, 19.30 Uhr, und für So, 22. Mai, 11 Uhr. www.young-stage.com