In der Aarauer Theatergeschichte gibt es zwei markante Ereignisse: Die Schliessung der aufmüpfigen Innerstadtbühne durch eine Volksabstimmung 1980 und die triumphale Zustimmung zum Umbau der Alten Reithalle durch eine Volksabstimmung im Juni dieses Jahres. Zwischen beiden Ereignissen liegt eine Zeit, die man im Rückblick vielleicht als Aarauer Theaterwunder bezeichnen könnte.

Einer, der dieses Wunder mit ausgelöst und möglich gemacht hat, ist Urs Heller. Er leitete, in Teams, von 1991 bis 2003 das Aarauer Theater Tuchlaube. Jene Bühne also, die zehn Jahre vorher dichtgemacht wurde und dann mit knapps- ten Mitteln wiedereröffnet worden war. Mit Urs Heller setzte eine Entwicklung ein, die Aarau bald zu einem Zentrum der Freien Schweizer Theaterszene und insbesondere des Kinder- und Jugendtheaters werden liess.

Der Engagierte

Dass er für diese Aufgabe derart geeignet war, geht nicht unmittelbar aus seinem Lebenslauf hervor. Urs Heller wurde 1942 in Basel geboren. Er wuchs in Arlesheim auf, mit zwei Schwestern und zwei jüngeren Brüdern, die später ebenfalls die Schweizer Kulturszene prägen sollten: Fredy als langjähriger Leiter des Basler Theaters im Teufelhof und Martin als Leiter der Expo.02 und freier Kulturunternehmer.

Urs wählte zunächst einen anderen Weg. Er studierte Biologie und Sportlehrer, war Bundesleiter der Jungwacht und Jugendarbeiter in Luzern. Mit seiner Familie zog er in die bündnerische Kleinstgemeinde Tartar. Seine Frau Beatrice war dort als Lehrerin tätig, Urs betreute als Hausmann die drei Kinder. Schliesslich wurde er als Parteiloser zum Gemeindepräsidenten gewählt.

1979 zog die Familie nach Wohlen. Urs übernahm, zunächst mit Beatrice zusammen, die Leitung des neuen Freizeitvereins. Als Jugendarbeiter organisierte er Spielaktionen, den Ferienpass, richtete einen Jugendtreff ein und sorgte für Austausch unter den Eltern. Politisch engagierte er sich im Einwohnerrat für die soziale Gruppierung «Eusi Lüüt». Das Klima des Kalten Kriegs bekam er hautnah zu spüren, als er sich in einem Leserbrief im lokalen Anzeiger zu Wort meldete. Franz Hohlers Dienstverweigererlied nach Boris Vian war vom Schweizer Fernsehen aus dem Programm gekippt worden. In seinem Leserbrief solidarisierte sich Urs Heller mit Franz Hohler und löste eine Flut an Reaktionen aus, die ihn fast die Stelle als Jugendarbeiter kostete.

Der Team-Mensch

1987 kündigte er beim Freizeitverein und gründete mit Gleichgesinnten den Wohler «Sternensaal». Hier entstand ein erstes Spielfeld für seinen Einfallsreichtum als Kulturveranstalter. Kinder- und Jugendtheater gehörte selbstverständlich mit in den Spielplan, nicht nur an Weihnachten. Sein Format «Stubengeschichten», mit dem er private Wohnzimmer zu Literaturhäusern machte, wurde später an etlichen Orten kopiert. Der «Sternensaal» wurde zum wichtigen Kulturort im Kanton Aargau.

Und schliesslich die Tuchlaube. Auf die Strukturen, die Urs damals vorfand, hätte sich kaum ein erfahrener Theaterschaffender eingelassen. «Es war Urs Heller, dem das Kunststück gelang, aus dieser Geschichte von Provisorien etwas zu machen, mit dem man definitiv rechnen konnte», schrieb Franz Hohler rückblickend. Auch der umgebaute Theatersaal mit schweren Kinosesseln und niedrig gedeckelter Bühne eignete sich wenig für ambitioniertes Theater. Urs handelte aus Überzeugung. Sein gänzlich unhierarchisches Denken war ansteckend. Er bildete Teams, war Gastgeber, vernetzte, war offen und hatte einen untrüglichen Sinn für Qualität. Die Tuchlaube wurde, wie er selber sagte, zum visionären Gebilde. Der Galerieraum kam dazu, die Subventionen stiegen, Stellenprozente konnten aufgestockt werden, eine feste Technik wurde angestellt. Dabei hielt Urs am Prinzip der Lohngleichheit fest.

Der Netzwerker

Ums Theater entstand ein Netzwerk an Kulturschaffenden, mit denen die Tuchlaube kooperierte: das Theater Marie, das Jugendtheater zamt & zunder, Mark Wetter, Jörg Bohn, Thomy Truttmann ... Unzählige Gruppen und Einzelkünstlerinnen aus dem Aargau und der ganzen Schweiz versammelten sich hier.

Als ich 1996 nach Aarau kam, um mit Urs Heller und Barbara Schwarz zusammen das Theater zu leiten, hatte ich kurz davor an der Berliner Volksbühne eine beeindruckende Aufführung gesehen: «Der Schritt ins Jenseits» von Ruedi Häusermann und Giuseppe Reichmuth, eine Tuchlaube-Produktion. Wer die Ehre hat, dachte ich mir, an einem Theater zu arbeiten, das solche Stücke produziert, braucht sich das nicht zwei Mal zu überlegen. Urs wurde für mich zum Freund und Vorbild. Er zeigte mir, dass wunderbares Theater auch in einem sozia- len, freundschaftlichen und gastlichen Rahmen entstehen kann, ohne Hysterie und Machtgerangel.

Der Selbst-Bestimmende

Die Tuchlaube koproduzierte mit anderen Theaterhäusern, dem Schlachthaus Theater Bern und dem Theater an der Winkelwiese Zürich. Das machte es möglich, auch grössere Produktionen auf die Beine zu stellen und sie öfter zu spielen. Tanzformationen waren regelmässig auf der kleine Aarauer Bühne zu Gast. Doch ein Drittel aller Aufführungen richtete sich ans junge Publikum. Urs Heller und Barbara Schwarz erfanden das Kinder- und Jugendtheaterprogramm «schnitz & drunder», das vorbildlich wurde für den aargauischen «Theaterfunken».

Er wolle nicht in der Tuchlaube pensioniert werden, sagte Urs, als er im Dezember 2003 das Theater verliess. Ihm sei wichtig, den Weggang selber zu bestimmen. Nun wirkte er weiter in freien Produktionen, engagierte sich wieder im «Sternensaal» oder bei den Lenzburger Theatertagen. Er initiierte das erste Aarauer Kulturfest und verbrachte die Sommermonate wie schon zu Tuchlaube- Zeiten jeweils als Hirte auf der Alp.

Seine Arbeit erfuhr öffentliche Anerkennung: Bereits 1994 hatte ihn der Kinder- und Jugendtheaterverband astej ausgezeichnet. 2005 erhielt Urs Heller den ersten Aarauer Kulturpreis. 2015 verlieh ihm auch sein langjähriger Wohnort den Wohler Kulturpreis, ausdrücklich für seine sozialen, politischen und kulturellen Verdienste.

Bei der Wohler Preisverleihung war Urs bereits gezeichnet von einer schweren Krebserkrankung und den therapeutischen Folgen. Zeitweise verbesserte sich sein Zustand, doch die Krankheit holte ihn ein. Er werde gut und liebevoll betreut, von Beatrice, der Familie, Freundinnen und Freunden, sagte er mir beim letzten Besuch. Diesen Montag ist Urs Heller im Alter von 76 Jahren in Wohlen gestorben.

Guy Krneta ist Autor in Basel und war von 1996–1999 Co-Leiter des Theaters Tuchlaube in Aarau.