Herr Halter, wir sind hier im Berner Restaurant «Des Pyrenées». Die «Pyri» genannte Stammbeiz von Polo Hofer ist auch die Stammbeiz von Ihnen. Was gefällt Ihnen hier?

Jürg Halter: Ich habe es gerne durchmischt. In Szene-Beizen wie der «Turnhalle» sind vor allem alternative Spiesser. Im «Pyri» aber treffen sich Alte, Studenten, Politiker verschiedener Parteien und Künstler. Ich bin froh, dass es nach dem Besitzerwechsel den Charakter behalten hat, auch die Stammgäste sind geblieben. Mit Polo war ich natürlich auch schon hier.

Haben Sie mit ihm gejasst?

Nein, in dieser obskuren Runde sass ich nie. Aber ich bin schon mit ihm auf der Bühne gestanden.

Wie kommen Sie als Lyriker und Ex-Rapper darauf, jetzt auch noch Theater zu machen?

Mein Medium ist die Sprache. Ich inszeniere und moderiere seit letzter Saison am Konzert Theater Bern die Gesprächs- und Performancereihe «Die Gegenaufklärung». Die Chefdramaturgin Sophie Krempl hat mich dann gefragt, ob ich auch Theatertexte schreibe. Ich sagte nein, aber ich hatte schon lange die «Mondkreisläufer»-Idee im Hinterkopf.

Am Samstag hat Ihr erstes Theaterstück Premiere. Was ist ein «Mondkreisläufer»?

Der Mondkreisläufer geht auf dem Schein um den Mond herum spazieren. Er ist ein unsterblicher Mensch, ein Unerlöster, ein Verdammter. Kaum ist er vermeintlich gestorben, findet er sich schon wieder in einem Mutterbauch. Solange er seine erste Mutter nicht finden kann, kommt er wahrscheinlich nicht zur Ruhe. Auf seiner Suche stellt er sich den grossen Fragen, verzweifelt an ihnen, führt sie ad absurdum. Das ewige Leben als Groteske.

Abgefahren.

Es ist ein aussergewöhnliches Stück. Das zeitgenössische deutsche Theater ist von aktuellen Themen und Thesen bestimmt. Es geht um Flüchtlinge, um Sterbehilfe, um Terrorismus, doch viele dieser Stücke funktionieren nur eine Saison lang, weil es an sprachlicher Tiefe fehlt. Es werden bloss Thesen formuliert und Themen abgearbeitet. Das passt zu einer Zeit, in der man sich künstlerisch nicht herausfordern lassen will.

Worum geht es Ihnen?

Um die Sprache. Die Poesie kommt zu kurz im zeitgenössischen Theater, es gibt wenig, das mich sprachlich beeindruckt.

Aber mit der Sprache allein ist das Theater nicht gemacht.

Inhalt und Form zu trennen, ist gar nicht möglich. Aber gute Kunst entsteht aus einer Idee, nicht aus einem Brainstorming. Kreativschaffende sind keine Künstler. Ein bestimmtes Gefühl oder eine Situation löst ein Kunstwerk aus, nicht eine These, an der man sich abarbeitet.

Was hat Ihren «Mondkreisläufer» ausgelöst?

Bislang stand ich mit meinen Texten immer selber auf der Bühne, nun ist der Wunsch entstanden, für andere zu schreiben. Neben Samuel Beckett, Sarah Kane oder Fernando Pessoa war «Publikumsbeschimpfung» von Peter Handke eine Inspiration. Zwar lasse ich das Publikum nicht beschimpfen, aber der Anfang des «Mondkreisläufers» funktioniert ähnlich: Figuren reden aufs Publikum ein.

Cihan Inan, ab nächster Saison Schauspielchef bei Konzert Theater Bern, führt Regie. Wie arbeitet er?

Ihn interessiert, worin die Kraft eines Textes liegt und was sich daraus machen lässt. Das unterscheidet ihn von vielen aktuellen Regisseuren, die ein paar französische Philosophen und etwas Popkultur in ein Stück reinwursteln, dazu die eigene Geschichte und jene der Schauspieler. Ich habe eine ähnliche Vorstellung von Theater wie Inan.

Klar hat es ein Autor lieber, wenn sich der Regisseur an seine Ideen hält.

Das ist unterschiedlich. Bei «Die Schutzbefohlenen» von Elfriede Jelinek sieht es ganz anders aus, die Vorlage ist eine rohe Textfläche ohne zugeteilte Rollen. Bei mir ist vieles vorgegeben, es gibt auch Regieanweisungen. Ich hatte beim Schreiben die Vorstellung davon, wie es auf der Bühne aussehen soll. Ich habe auch eine klare Vorstellung des Textrhythmus.

Sie scheinen nicht viel vom zeitgenössischen Theater zu halten.

Das deutschsprachige Gegenwartstheater bildet sich zu viel auf seine vermeintliche Wirkung auf die Gesellschaft ein.

Mit Cihan Inan haben sie öfter zusammengearbeitet. Sie sind nicht ganz unschuldig daran, dass er Schauspielchef bei Konzert Theater Bern wurde.

Ich schlug ihn für die Regie von «Mondkreisläufer» vor. Intendant Stephan Märki kannte ihn nicht, verstand sich dann aber gut mit ihm, und so ists zur Bewerbung gekommen. Jetzt bin ich quasi die graue Eminenz des Stadttheaters! (lacht)

Jürg Halter Mondkreisläufer.  10. September, 19.30 Uhr, Vidmar 2 Konzert Theater Bern (ausverkauft).

Neuer Gedichtband Das 48-Stunden-Gedicht. Von Jürg Halter und Tanikawa Shuntarō. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 48 S.