Dafür, dass sie «kurz vor dem Erschöpfungstod» steht, schaut sie frisch aus, strahlend. Das ist sie wahrscheinlich von Natur aus. Amina Abdulkadir war am Abend zuvor auf einer Bühne gestanden, war an vielen Abenden zuvor auf einer Bühne gestanden, auf etwas zu vielen in letzter Zeit. Von der Schützi Olten bis zur St. Galler Grabenhalle, von der Slam-Show der veganen Gesellschaft Schweiz zu den Slam-Schweizermeisterschaften. Ein anderes, früheres Ich sage Ja zu diesen vielen Anfragen; «danach habe ich den Stress». Neben diesen Auftritten als Slam-Poetin hat sie, nach einer einjährigen Pause, ihre alte Arbeit als Ergotherapeutin wieder aufgenommen – an der Psychiatrischen Uniklinik in Basel.

(Quelle: youtube.com/Poetry-Slam-Schweizermeisterschaft 2014)

Amina Abdulkadir - Vorrunde Poetry-Slam-Schweizermeisterschaft

Eigentlich mutet sie sich zu viel zu, aber sie könne gar nicht anders, möge kaum stillsitzen, müsse ständig etwas tun, etwas schaffen, produktiv sein. «Von Schlafen halte ich gar nichts», sagt sie, «man liegt da und Zeit vergeht».

So kann man es auch sehen. Und gerade das gehört zu Amina Abdulkadirs Spezialitäten: was fast alle für gegeben hinnehmen, mit Witz und Wissenschaftlichkeit zu hinterfragen – in ihren Blogs, ihren Slam-Texten, ihren Gedichten. Sie leitet her, dass Natürlichkeit nicht automatisch besser ist als Künstlichkeit. Dass Herzen nun mal kopflos seien. Dass Kinderkriegen uns genauso in Angst und Schrecken versetzen müsste wie die Furcht vor Epidemien oder Terrorismus – weil die Wahrscheinlichkeit, ein Kind nicht optimal unterstützen zu können, viel grösser sei, als einem Anschlag zum Opfer zu fallen.

In Somalia geboren

Sie habe immer geschrieben. Sie habe immer zu allem eine Meinung. Ihr Zeigefinger erhebe sich «immer ein bisschen». Und es gehe immer wieder um dasselbe: «Empathie und Gerechtigkeit». Warum? «Wahrscheinlich, weil ich die Tochter von zwei Möchtegern-Weltenrettern bin, beide mit sehr ausgesprochenem Gerechtigkeitssinn. Das nimmt man als Kind intravenös auf.» Und vielleicht auch, weil sie selbst schon wegen ihrer dunklen Hautfarbe Rassismus erlebt habe. «Die Kriterien, die zu Diskriminierung führen, sind nichtssagend.» Auch das wolle sie zeigen, immer wieder.

Wir sitzen an einem Tischchen auf dem Asphalt vor dem Café Frühling an einem dieser heissen Sommertage und Amina Abdulkadir ist es gerade wohl. Sie nicht, aber ihr Körper erinnere sich noch an die ersten vier Lebensjahre in Somalia. Von dort ist ihr Vater. Die Mutter, eine Schweizerin, wagte sich in den Sechzigerjahren bis nach Mogadischu. «Wenn damals jemand in die Romandie ging, war das eine richtige Reise, Italien war schon ziemlich gewagt, aber als Frau nach Afrika auszuwandern, das war schon richtig bad ass.»

Amina (Betonung übrigens auf dem ersten a) Abdulkadir ist froh, die Tochter zweier so weltoffener, weitblickender Menschen zu sein. Und sie ist froh, jetzt in der Schweiz zu leben, wohin die Eltern nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Somalia geflüchtet seien. «Das Leben hier ist schon sehr schön.» Sie ist im Aargau aufgewachsen, lebt nun in Basel. Die Nostalgie, die Romantik, die manche mit Heimat verbinden, werde sie aber nie verstehen. «Ich bin mehr daheim bei Personen.»

Liebespoesie mit Asphaltaroma

Am häufigsten geht es in Amina Abdulkadirs Texten um Liebe. Und in diese Liebesgedichte spielt oft die Ergotherapeutin mit all ihrem Wissen um den Körper mit rein. Oder die Liebhaberin. «Mein Trizeps hat Lust auf deinen Bizeps; meine Waden haben Lust auf deine Schienbeine», mischt sie Körperteile bis zur Zeile: «Lass mich doch mal an deinem Cocktail nuckeln, Baby. Du schmeckst bestimmt nach Vanille und Nelken, nach Regen auf Asphalt und nach Gänsehaut.»

Weil dieses Slamgedicht ganz romantisch begonnen habe, seien viele im Publikum über die plötzliche Wendung ins Sexuelle erschrocken. «Muss das sein?», wurde sie schon oft gefragt und antwortete: Genau das ist die Geschichte. Wenn sie Erwartungen erfüllte, dann böten ihre Texte ja nichts Neues. Sie wolle «etwas mehr».

Direkt vom Mund

Heute entstehen viele ihrer Slam-Gedichte ganz direkt beim Sprechen. Oft ist da nur eine Idee, ein Satz. Und sie fängt einfach an und nimmt es auf. «Dem Bühnentext tut das gut. Er kommt direkt vom Mund, nicht vom Hirn. Ich habe gelernt, den Text machen zu lassen, was er will.» Manchmal staune sie, wenn der Text kitschig werde oder vulgär. «Das bin ich nicht», sagt sie. «Oder wenn ich ehrlich bin: Natürlich bin ich das, auch.» Von sich selbst habe sie ohnehin nur eine schwammige Vorstellung. Wird diese mit den Jahren schärfer werden? «Ich hoffe nicht. Ich finde dieses Amöbenhafte schön.»