Aus einem riesigen Brunnen schiessen hell erleuchtete Wasserfontänen gegen den nachtschwarzen Himmel. Eine Frau in einem kurzen Kleid klettert auf den Brunnenrand und uriniert im Stehen. Weitere Sequenzen des Films zeigen das selbe Ritual auf der Brooklyn Bridge in New York, in einer U-Bahn-Station, auf einem Autodach.

«To Pee In Public Or In Private Spaces» ist eine der bekanntesten Arbeiten von Itziar Okariz. 20 Jahre hat die heute 52-Jährige Baskin in New York gearbeitet. Heute lebt sie wieder in Bilbao und Madrid. Okariz ist zu einer der wichtigen Stimmen in der internationalen Performanceszene geworden. Das Kunsthaus Baselland richtet der Künstlerin derzeit die erste Einzelausstellung in der Schweiz aus und kooperiert dabei mit Kunsträumen in Madrid und Sevilla, wo die Schau ebenfalls zu sehen sein wird.

Die oben skizzierte Performancereihe gehört zum frühen Werk der Künstlerin. Darin setzte sie sich intensiv mit der Konstruktion von Identität auseinander. Männer, die öffentlich im Stehen Pinkeln, sind ein gewohntes Bild. Wenn eine Frau das tut, wird es zu einer Manifestation. Mit einer ähnlichen Umkehrung gewohnter Körpermuster arbeitete die Künstlerin in einer anderen Performance aus der selben Zeit. Auf vier Monitoren sehen wir aus vier unterschiedlichen Perspektiven eine Frau, die auf einem belebten Platz nicht die Waagrechte abschreitet, sondern ganz selbstverständlich die Vertikale einer Hausmauer hochklettert.

Konstruktion von Wirklichkeit

Die Werkschau im Kunsthaus in Muttenz gewährt neben diesen frühen Arbeiten einen erhellenden Blick auf die Weiterentwicklung der Künstlerin. Sie ist ihrem Prinzip, scheinbar Selbstverständliches radikal zu hinterfragen, treu geblieben. Nur hat sie ihren Radius erweitert. Während frühe Arbeiten, danach fragten, wie wir eigentlich unsere Identität konstruieren, macht die Künstlerin in ihrem aktuellen Schaffen die Konstruktion von Wirklichkeit zum Thema. Das tönt kompliziert. Okariz macht es jedoch anschaulich, wenn man bereit ist, genau hinzusehen und zu -hören.

Im ersten Raum der Ausstellung zeigt die Künstlerin Videonotizen. Auf den ersten Blick Filme, die gar nichts Rechtes hergeben. Eine flirrende Lichtreflexion an einer weissen Wand beispielsweise. Bis sich der Ausschnitt etwas erweitert. Ein Türrahmen und eine Lampe kommen ins Bild. Die Kamera macht einen Schwenk. Ein unaufgeräumter Schreibtisch, der Kopf einer Frau, ihr Haar, ein Kissen. Fertig ist die Notiz. Reicht das, um im Kopf des Betrachters eine Geschichte zu konstruieren? Ja, das tut es.

Das Traumtagebuch

Ebenso fragmentarisch geht die Künstlerin mit Sprache um, unserem Hauptmedium, wenn es darum geht, Welt zu erklären. Nur taugt unser Umgang mit Sprache, um unsere Wirklichkeit angemessen zu beschreiben? Bewegen wir uns nicht dauernd in vorgefertigten Sprachmustern, die uns die Sache — zu — einfach machen?
Okaritz breitet in einer raumgreifenden Installation ein Traumtagebuch aus. 58 Tage, pro Tag ein Blatt. Oft steht da nur das Datum, wohl nach traumloser Nacht. Die erinnerten Träume bestehen meist aus einem Satz, den die Künstlerin variiert, in dem sie ihn zerlegt, wiederholt, Worte weglässt, bis nur noch eines dasteht. Etwa so:
Bis nur noch eines dasteht/
nur noch eines dasteht/
eines dasteht/
dasteht
Dazu hören wir aus zwei Lautsprechern die Stimme der Künstlerin, die diese Traumgedichte liest.

Was als Installation eher sperrig daherkommt, weil gleichzeitig Lesen und Hören kaum geht, funktioniert als Liveperformance überraschend gut. An der Eröffnung vergangenen Donnerstag las Okariz einen ihrer Endlosschlaufen-Texte, 20 Minuten lang, Wort für Wort, bei jeder Wiederholung eines weglassend: ein erstaunliches Hör- und Sprachereignis!

Itziar Okariz: Bis 17. Juli. Kunsthaus Baselland.