2015 wird in einem Bus in Budapest ein junger Roma von einem jungen Mann niedergestochen. Das Opfer überlebt, mit bleibenden Schäden. Die oppositionelle Öffentlichkeit Ungarns organisiert Demonstrationen. Sie vermutet, dass das Verbrechen, wie so oft in Ungarn, einen rassistischen Hintergrund hat. Dann stellt sich aber heraus, dass der Täter ebenfalls ein Roma ist.

Diese Geschichte nahmen der Regisseur Kornél Mundruczó und das von im mitgegründete Proton Theatre als Ausgangspunkt für ihre jüngste Arbeit. Seit der Premiere an den Wiener Festwochen 2016 tourt das Stück weltweit. Die Aufführungen am Theaterfestival Basel sind Nummer 66 und 67. Das frei produzierende Ensemble ist dringend auf diesen Erfolg angewiesen. Die Unterstützungsgelder in Viktor Orbáns Ungarn werden Jahr für Jahr weniger. Viele Gruppen haben bereits die Segel gestrichen.

Nicht so diejenige um Mundruczó. Sein Erfolg ermöglicht ein einigermassen geregeltes Einkommen. Der 43-Jährige zeigt seine Filme in Cannes am Wettbewerb. Von den europäischen Theaterhäusern wird er mittlerweile als fester Wert gehandelt. Zurzeit inszeniert er eine Schiffsreise für das Luzerner Theater, wo Benedikt von Peter zurzeit arbeitet, der designierte Nachfolger von Andreas Beck am Theater Basel.

Zwischen Film und Theater

Mundruczó macht aus dem Stoff eine bildgewaltige Parabel über die strukturelle Gewalt in einem Staat, der Menschen, die nicht an ihm partizipieren können, als eine Art Sondermüll behandelt, der wegrationalisiert wird.

Im Zentrum stehen zwei Mütter und ihre Söhne, der eine von einem neunjährigen Knaben gespielt. Die beiden werden sich am Ende des Abends begegnen. Erst in einem shining-artigen Albtraum, einer Verfolgungsjagd durch Hotelgänge, umgesetzt als Film. Dann real auf der Bühne. Diese zeigt eine Parterrewohnung, deren grossbürgerlicher Glanz längst abgeblättert ist.

Doch zu Beginn ist da nur eine Leinwand. Auf ihr erzählt die Mutter des Täters in einer langen Sequenz dem Vertreter eines Inkassobüros ihre Lebensgeschichte. Er will sie rausschmeissen, sie berichtet, wie es ist, als Romafamilie von Sozialwohnung zu Sozialwohnung gejagt zu werden, erzählt, wie ihr Sohn, gedemütigt von der Armut der Eltern, seine Herkunft verleugnet und als Stricher in einem Hotel arbeitet. Der Vater überlebt diese Schmach nicht.

Die Leinwand fährt hoch. Die alte Frau kollabiert in der Küche. Der Mann versucht, die Ambulanz zu rufen. Doch in einem Romaviertel ist das schier unmöglich. In einer traumartigen, nächsten Filmsequenz begegnet die Frau ein letztes Mal ihrem Sohn im Hotel.
Darauf wird die Wohnung einer jüngeren Mutter vermietet. Aber auch nur weil sie ihr Kind in einem grotesken Bewerbungsgespräch verleugnen muss. Und auch ihrem Sohn muss sie eine heile Welt vorspielen. Sie lässt ihn alleine zurück, um sich mit einem gewalttätigen Liebhaber zu treffen.

Der Regisseur und sein eingeschworenes Ensemble erzählen diese Fragmente lakonisch, verzichten auf schnelle Schuldzuweisungen, lassen Vieles in der Schwebe. Das ist die Stärke dieser Arbeit. Ihre Hauptdarstellerin ist jedoch die Bühne. Zwischen den beiden Hauptszenen kippt sie nach rechts und beginnt, sich langsam um die eigene Achse zu drehen, wie eine in Zeitlupe laufende Waschmaschine.

Der gesamte Haushalt fliegt von einer Ecke in die andere und zurück bis die Wohnung wieder aufrecht zu stehen kommt. Zurück bleibt eine Trümmerlandschaft, die als Sinnbild für die zerstörten Hoffnungen auf ein normales, einigermassen friedliches Leben steht.

«Imitation of Life» 5. September, 21 Uhr Kaserne Basel. www.theaterfestival.ch