Heute Mittwoch wird in der Kaserne das Theaterfestival Basel eröffnet. Das Programm hat der Dramaturg Tobias Brenk gestaltet. Der 38-jährige Deutsche hat in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam mit Carena Schlewitt die Entwicklung der Kaserne mitgeprägt.

Herr Brenk, Sie sind erstmals für das Theaterfestival verantwortlich. Wie haben Sie das Programm aufgebaut?

Tobias Brenk: Uns ist aufgefallen, dass es immer mehr Arbeiten gibt, die hinterfragen, in was für einer Gesellschaft wir leben. Das zeigt sich in der Art, wie wir das Programm aufgebaut haben. Die Künstler engagieren sich heute auch politisch.

Eine Repolitisierung des Theaters?

Das klingt etwas didaktisch. Ich würd eher sagen, die Künstlerinnen und Künstler suchen Antworten auf die Zeit, in der wir leben. Das hat sicher auch mit der aktuellen Rassismusdebatte zu tun, die sich durch alle gesellschaftlichen Kreise zieht. Dann gibt es Bewegungen wie #Metoo, die aufzeigen, in welchen Zwängen wir arbeiten und leben. Dieses Hinterfragen unserer Lebensrealität spiegelt sich im Programm.

Also eine aktuelle Bestandsaufnahme der internationalen Theaterszene?

Das ist sicher ein Leitfaden. Aber das Programm beinhaltet nicht nur politische Produktionen. Unser Festival ist sowohl für ein junges wie ein älteres Publikum zusammengestellt. Wir wollen die unterschiedlichsten Interessensgruppen ansprechen.

In der Schweiz hat das Theater seine politische Brisanz eingebüsst. Ist das in anderen Ländern anders?

Ich würde nicht sagen, dass das Theater hierzulande an politischer Brisanz eingebüsst hat. Schauen Sie sich die Produktionen von Milo Rau oder Boris Nikitin an. Das sind starke politische Positionen von Künstlern, die genau wissen, warum sie Theater machen. In der Schweiz gibt es vielleicht weniger verhärtete Fronten. Aber es reicht schon ein Blick über die Grenze, um zu sehen, unter welch schwierigen Bedingungen Europa versucht, sich zusammenzuhalten. Geht man weiter nach Osten, nach Ungarn beispielsweise, sehen wir, wie die Politik in die kleinste Ritze des Privaten Einzug hält. Vergleicht man dies mit der Schweiz, sind dies natürlich richtig harte Themen.

Sie schreiben, Theater sei das Trainingscamp für das Andere. Wie meinen Sie das?

Ich hab Theaterwissenschaften studiert und dachte früher, ich wolle selbst Kunst machen. Irgendwann hab ich aber gemerkt, dass ich vor allem mehr zuschauen möchte. Durch das Zuschauen begreife ich, womit sich andere Menschen beschäftigen. Theater ist der schöne Zustand, wo man gezwungen ist, sich eine Stunde oder mehr mit dem Anderen zu beschäftigen. So bekomm ich die Möglichkeit, meine eigene kleine Welt zu erweitern.

In dem Fall haben Sie Ihren Traumberuf gefunden?

Absolut, ja! Die direkte Begegnung mit den Künstlern erlaubt es mir, mich mit Dingen auseinanderzusetzen, die ich sonst nur in den – leider immer selteneren – guten Zeitungen finde.

Die kulturelle Globalisierung ist geprägt von Neuen Medien und Technologien. Kann das langsam arbeitende Theater überhaupt mithalten?

Gerade inmitten der Hochgeschwindigkeit der medialen Welt behauptet es seinen Platz. Das Theater kann das Bedürfnis stillen, sich für eine gewisse Zeit auf etwas zu konzentrieren. Das Tolle an einem Festivalbesuch ist ja, dass ich das nicht alleine tue. Die Leute können sich austauschen, den Künstlern begegnen. Extra dafür haben Extra dafür haben Szenografiestudenten der FHNW auf der Wiese ein Festivalzentrum gebaut. auf der Wiese ein Festivalzentrum gebaut. Das ist unser Gegenentwurf zur Kurzlebigkeit unserer Zeit.

Trotzdem: Das Theater ist eine kleine Nische. Stört es sie nicht, im Vergleich mit anderen Medien nur so wenige Leute zu erreichen?

Ich vergleiche uns gar nicht mit den Medien, schon gar nicht mit elektronischen. Es ist nicht die Aufgabe des Theaters, Journalismus zu betreiben. Wir machen Kunst. Und Kunst heisst, eine andere Form von Realitätswahrnehmung zu ermöglichen. Zudem hat das Festival für Basel die richtige Grösse. Künstler und Publikum schätzen es sehr, dass unser Festival kein riesiger Markt ist, sondern übersichtlich bleibt.

Warum fehlen Schweizer Produktionen im Programm?

Das Festival ist seit seinem Neustart unter Carena Schlewitt als internationales Festival ausgerichtet. Deshalb waren Schweizer Projekte immer schon die Ausnahme. Die Schweizer Szene hat das ganze Jahr über im Programm der Kaserne, im Neuentheater Dornach oder im Roxy Birsfelden seinen Platz.

Basel bekommt einen neuen Theaterdirektor, der weniger klassisch, also mit Strategien der freien Szene arbeitet. Wie finden Sie das?

Ich finde es super, dass sich diese grossen Häuser öffnen und auch Künstlern aus der freien Szene die Möglichkeit geben, ganz andere Produktionsbedingungen kennenzulernen. Das ist ja unsere eigentliche Aufgabe als künstlerische Leiter: Wir wollen den Künstlern die möglichst besten Bedingungen bieten, damit sie sich entfalten können. Und wir haben die Aufgabe, sie an die Zuschauer zu vermitteln.

Vermittlung ist ein gutes Stichwort. Sie bieten einen Hausbesuch an, bei welchem sie Interessierten bei einer Flasche Wein das Programm erklären. Hat sich jemand gemeldet?

Die Idee dabei ist ja, dass wir den Spiess umdrehen und mal bei den Zuschauern auf Besuch kommen. Normalerweise erklären wir unser Programm immer den Journalisten oder den Geldgebern. Dabei müssen wir uns doch direkt ans Publikum wenden. Wir haben so über 40 Personen kennen gelernt, die noch nie beim Festival waren. Viele haben schon Tickets bestellt.

Ein holländischer Künstler wird von heute bis Sonntag auf dem Barfüsserplatz arbeiten. Was passiert da?

Nick Steur wird tonnenschwere Steine aufeinanderstapeln, ähnlich wie Steinmännchen, nur viel grösser. Da geht es um millimetergenaue Balance, bis die Skulptur steht, und dann wieder zusammenfällt. Mir gefällt, dass dieser Sisyphos auf diesem Platz arbeitet, wo sich die Menschen so geschäftig im Hamsterrad drehen.

Sie besuchen auch verschiedene Orte im Baselland. Was transportiert der Lastwagen der belgischen Künstler?

Die Produktion «Pakman» wird von Dornach aus die Schulen in den Dörfern auf dem Land besuchen. Die belgischen Nouveau-Cirque-Artisten verwandeln das Innere eines kleinen LKW’s in einen magischen Raum, wo Jonglierbälle auf zauberhafte Weise durch die Luft fliegen.

Sie laden das Publikum auch zum Übernachten ein.

In der zweiten Woche zeigen wir «Garden State» in der Turnhalle Turnhalle Klingental. Die Installation besteht aus 300 Topfpflanzen, die Basels Bewohner beisteuern. 100 haben wir bereits. Die anderen werden von den Künstlern noch gesammelt. Wundern sie sich also nicht, wenn es klingelt und jemand um ihre Pflanze bittet. Aus den Pflanzen wird ein utopischer Ort kreiert, wo es Vorträge, Filme, Diskussionsrunden gibt. Alles ist kostenlos. Nur für die Übernachtung muss man sich anmelden und einen kleinen Beitrag entrichten, um unter dem Pflanzenhimmel zu schlafen.

Und wohin geht Tobias Brenk nach dem Festival?

Die Zukunft ist offen. Ich behalte meine Wohnung hier in Basel, werde aber einige Recherchereisen machen, um Regionen und Künstler kennenzulernen, die mir bisher unbekannt sind. Ohne die Brille des Programmmachers. Darauf freue ich mich.