Montagabends sitzen die Autorin Eva Rottmann und die Autoren Lukas Holliger und Michail Schischkin vor einer echten Pflanzenkulisse im Neuen Theater Dornach und sprechen mit Literaturredaktorin Annette König über Ausnahmezustände.

Eva Rottmanns Jugendbuch handelt von der Flüchtlingsthematik, Lukas Holligers Theaterstück beschäftigt sich mit der Katastrophe der Schweizerhalle und Michail Schischkin spricht über die Begrenztheit der Möglichkeiten von Literatur in politisch schwierigen Zeiten, wie unseren. «Man kann überall leben. Wichtig ist nur, was du schreibst», sagt der in Russland mehrfach ausgezeichnete Schischkin, der nicht mehr nach Russland reist. Angesichts der Weltpolitik glaubt er nicht an die politische Wirkungsmacht der Literatur. Auch die grosse russische Literatur sei politisch betrachtet eine Versagerin, ein Loser.

Aber als Autor glaube er doch bestimmt an die Kraft der Literatur, entgegnet die Moderatorin Annette König. Schischkin wiederholt seine Position: «Wir Autoren befinden uns, wenn wir die Situation in Russland betrachten, in einer ähnlich hoffnungslosen Situation wie die deutschen Autoren und Autorinnen in den 30er Jahren. Wenn unsere Leser für Putin sind, was bringen unsere Bücher?»

Wer in Schischkins Position die totale Resignation vermutet, irrt aber. «Man muss etwas tun. Darum schreibe ich Essays» sagt er, dessen eindrückliche Rede vor dem Pen-Club gerade kürzlich in der NZZ publiziert wurde. Und umgekehrt habe auch die Literatur eine grosse Bedeutung, die aber jenseits der Tagespolitik zu verorten sei. «Putin? Wer wird in 20 bis 30 Jahren noch wissen, wer Putin ist?» Aber die Literatur, etwa die Robert Walsers, wird man hoffentlich noch kennen. Schischkin erzählt in seinem jüngsten Buch von einem russischen Autoren, der über Walser schreibt.

Loriots Über-Ich

Bei den Werken von Martin R. Dean, Markus Stegmann und Katharina Tanner handelt es sich um Ausnahmezustände in Beziehungen. Eine besonders köstliche Kreatur ist Stegmanns Kunstfigur Frau Atnan, mit der der Ich-Erzähler gar nicht anders kann, als sich blitzschnell in einer Zankerei wiederzufinden. Die Figur Frau Atnan scheint wie eine Mischung aus Loriot, Freuds Über-Ich und Brechts Herr K. Sie ist, aller Unerträglichkeit zum Trotz, schrecklich sympathisch. Man möchte noch mehr von diesen Miniaturen hören, würden sie nicht von der ebenso spannenden Paargeschichte aus der Feder Martin R. Deans abgelöst.

Selbstironisch sagt Martin R. Dean über seine Figuren: «Mit Sicherheit kann ich sagen, diese Figuren haben mit niemandem, den ich kenne, auch nur die entfernteste Ähnlichkeit.» Es dünkt uns, dass wir Marc und Irma, die Hauptfiguren aus Deans neustem Roman, irgendwie schon lange kennen. Vielleicht nicht gerade 20 Jahre lang, wie Irma und Marc einander, aber doch lang genug, damit uns scheint, wir hätten ein Recht darauf, zu erfahren, wie es denn mit den beiden weiter geht.

Man ahnt Schwierigkeiten, die man bei Katharina Tanners untypischer Dreiecksgeschichte gar mit grosser Sicherheit kommen sieht. Dieses leichte (inhaltliche!) Unbehagen ist bei allen drei Schreibenden einer der Gründe, warum man weiter hören oder lesen möchte. Die Neugier ist geweckt.

Von René Frauchiger und Udo Breger schliesslich erfahren wir, was der Ausnahmezustand «Autor sein» heisst, und welche Bedeutung die Autorenförderung im letzten Jahr für sie hatte. Beide betonen, wie wichtig die Anerkennung sei, die mit der Unterstützung einhergeht. Das Geld allein sei es eben nicht, sondern auch die Wertschätzung. Und Frauchiger schliesst mit dem einschlägigen Satz: Ich will ja nicht hauptsächlich VOM Schreiben leben sondern FÜR das Schreiben.