Pink funkelt es aus den dunklen Ausstellungsräumen des HeK hervor. Wackelt dort ein Himbeerpudding, der sich eilends von seinem Sockel aus dem Scheinwerferlicht ins Dunkle retten wird? Möglich wäre es. Links und rechts an den Wänden vom Haus der elektronischen Künsten (HeK) ist alles in Bewegung. Auf Monitoren oder in Projektionen tummeln sich Ornamente, modellhafte Objekte und pulsierende Farben. Alles scheint einer unaufhörlichen Veränderung zu unterliegen. «Das Fluide ist in den ausgestellten Werken zentral» erklären die beiden Kuratoren Alexandra Adler und Reinhard Storz.

In gemeinsamer Arbeit haben die junge Ausstellungsmacherin Adler und der als Kunstwissenschaftler und Dozent für Kunst- und Medientheorie tätige Storz die aktuelle Ausstellung «Digitale Abstraktionen» kuratiert. «Wir wollten uns mit den Fragen des Abstrakten in der digitalen Gegenwart auseinandersetzten. Und damit diese 100 Jahre alte Ausdrucksform in der Kunstgeschichte weiterdenken» erklärt Storz und formuliert die grosse Frage: «Wie hat sich die Abstraktion jenseits von Malewitsch weiter entwickelt?»

«Im Zentrum der Ausstellung stehen zum einen die abstrakten Formen, die in digitalen Bildern sichtbar werden,» so Alexandra Adler. «Zum anderen wollen wir das Abstrakte hinter den digitalen Bildträgern erkunden. Wir wollen hinter diese oft glatt polierte Oberfläche schauen». Am Werk Visites Possibles der Kandischen Künstlerin Sabrina Ratté lässt sich dies anschaulich nachvollziehen. Auf der Ausstellungswand erscheinen in grossformatiger Projektion dreidimensionale Körper. Teilweise sind die Elemente in schattierten Schwarztönen gehalten, teilweise von bunter Farbigkeit geprägt.

Auf Grund ihrer Darstellung und Form eröffnet sich vor den Augen des Betrachters ein künstlicher, virtueller Raum. Doch die Objekte verändern sich, werden von farbigen, hin und her wabernden Flächen ergänzt, durchbrochen, ja gestört. Damit wird gewissermassen eine zweite, technische Bildebene mit Störelementen eingeführt. «Glitches» werden solche visuelle Störungsmomente im Fachjargon genannt, erläutert Sabine Himmelsbach, die künstlerische Leiterin des Museums. Solche «Glitches» kennt man etwa von digital programmierten Darstellungen auf Bildschirmen, die auf Grund von Soft- oder Hardwarefehlern verzerrt dargestellt werden.

Die Thematisierung solcher Störmomente, die auf der Bild- aber auch auf der Tonebene erfahrbar werden, sind für die Anliegen der beiden Kuratoren zentral. «Diese typisch digitalen Artefakte verweisen den Betrachter auf den technischen Herstellungsprozess der Bilder» so Adler. Die unregelmässig flirrenden, plötzlich zuckenden Bewegungen lassen den Betrachter gleichsam durch die dargestellten visuellen Räume hindurchblicken. Sie halten ihm das Faktum vor Augen, dass dasjenige was wir sehen, auf einer technischen Herstellung beruht.

Zurück zum rosaroten Glibberobjekt: Bei näherer Betrachtung erkennt man die feste Struktur dieses im Lichtkegel eines Scheinwerfers exponierten, superpolierten Objektes. Es handelt sich dabei um das Werk des US-amerikanischen Künstlers Zach Blas mit dem Titel «Facial Weaponization Suite: Fag Face Mask». «Ausgangspunkt für den Künstler» erklärt die Kuratorin sei eine statistisch untermauerte Behauptung gewesen, dass Homosexualität in den Gesichtszügen von Menschen ablesbar sei. Darauf habe der Künstler die Gesichtsdaten von 45 Männern gesammelt und zu einem einzigen Gesicht zusammengerechnet. Aus diesen digital erzeugten und gesammelten Daten entstand nicht etwa das Gesicht des vermeintlich prototypischen Homosexuellen, sondern vielmehr eine total verzerrte, von Höhen und Tiefen strukturierte, plastische Form. Zach Blas produzierte daraus eine Maske und damit jenes, in schrillem Pink leuchtende, ausgestellte Objekt.