Die Luftverhältnisse sind völlig in Ordnung im Roxy Birsfelden. Und doch stockt dem Publikum der Atem. Zuerst folgt man Mirjam Gurtner und Christopher Owen in den Bewegungen ihrer Körper, die sich mal im Kampftanz, in der Umarmung oder in der Alltagsbewegung- begegnen, berühren, entdecken, verwerfen und verlieren. Erst der genauere Blick macht deutlich: Mit teils sanften, beinah beiläufigen Bewegungen pressen sie einander eine Hand immer wieder vors Gesicht. Gnadenlos direkt. Bis knapp vor der Erschöpfung, bis kurz vor dem Ersticken. Gurtners Kopf ist rot vor Atemnot, der Schweiss rinnt beiden von der Stirn.

Den Zuschauern wird beinahe schwindlig. Eine Übertragung lässt sich kaum vermeiden. Und das ist auch gut so. «Skinned» kann man sich schlecht als leichten Sonntagabend-Ausklang reinziehen. Nicht bloss, weil zur reinen Unterhaltung die Musik fehlt. Was wir hören, sind die Geräusche des Körpers, es wird geknirscht, geschwitzt, geklatscht (Sound und Bühne: Lisa Premke), die natürlichen Geräusche werden teils hochgradig verstärkt, teils elektronisch transformiert.

«Skinned» geht nah. Das liegt auch an der Sitzordnung, man sitzt den drei Performern auf Kissen schutzlos gegenüber. Möglich, dass man auch mal von einem gerammt wird.

Grenzen und Sicherheiten

«Skinned» beschäftigt sich unter anderem mit Grenzen. Welche halten die Zuschauer aus? Welche der Körper? Welche Grenzen haben die einzelnen Körper der Tänzerinnen? Welchen Sicherheiten können wir trauen? Und wie lange muss ein Wesen vor Kälte und Nässe zittern, bis etwas – oder nichts – passiert? Ergreifend dabei – die Dritte im Bunde: Valentina Wong.
Die Formationen der Tanzenden ändern sich. Mal sind es Zweier-, mal Einer-, mal Dreierformationen. Manchmal erscheinen sie wie eine Ansammlung von Haut, Haar und Schweiss in Bewegung, manchmal wie Personen.

Dann und wann wie ein Welpe oder gar ein Klingone, der zum ersten Mal einen Menschen betrachtet. Ein Leberfleck, die Haut, die Falten des andern: Alles ist neu und muss entdeckt, beklopft und zum Klingen gebracht werden. Auch wo die Haut des einen aufhört, wo das Bein des andern beginnt, ist nicht immer so ganz klar. Kaum hat man eine Formation verstanden, löst sich das tintenfischartige Gebilde wieder auf. Hektisch ist die Choreographie nicht, aber sie ist im Wandel.

Die Aussage, dass nichts sicher ist, hat nebst ihrer verstörenden Wirkung einen grossen Vorteil: Auch die Unsicherheit ist nicht sicher, jede Figur kommt irgendwie wieder zu Atem. Und es gibt Momente der Nähe, seltene Streifungen der Zärtlichkeit, Möglichkeiten von Vertrauen. Wenn die Tanzenden rennen, entsteht ein kraftvoller Rhythmus, es stellen sich Momente von Freiheit ein, Andeutungen von Fangspielen zeigen eine unbeschwerte Zeit. Lange dauern sie aber nicht.

«Skinned» ist das erste abendfüllende Programm von Gurtner. Besonders ist es auch in der Hinsicht, dass die 38-Jährige in der Doppelrolle der Choreographin und Tänzerin auftritt. In Oberwil aufgewachsen, entdeckte sie mit vier Jahren in Basel das Ballett (später unter anderem bei Youri Vámos). Studierte Tanz am Theater Basel, der Staatsoper Wien und am Trinity Laban Conservatoire in London.

Körperliche Radikalität

In Basel wurde das Stück «Public Affairs» mit 20 geflüchteten Menschen und Einheimischen im Oktober 2016 in der Offenen Kirche Elisabethen zur Premiere gebracht und ans Wildwuchs Festival 2017 in die Kaserne eingeladen. Was Gurtner interessiert, ist die Verbindung von gesellschaftlichen Themen mit der Mikroebene von Körpern, die sich begegnen, und dem, was zwischen ihnen passiert.

Und ja, da passiert einiges. Das Publikum ist wie gebannt, und der Applaus am Schluss tosend. Wenn Gurtner in «Skinned» zeigen möchte, was im gesellschaftlichen Bereich in Sachen Verunsicherungen spürbar ist, so ist dieses Stück zwar keine Dystopie, aber doch ein eher düsterer Spiegel unserer Zeit. Ihre Beschäftigung mit Sicherheitsverlust ist kein Spiel. Die körperliche Radikalität der Form, die sie dazu gewählt hat, macht eines deutlich: Es geht hier um nichts weniger als das Existenzielle. Atmen oder nicht atmen ist keine Ambivalenzerfahrung.

Skinned Roxy, Birsfelden. 16, 17. 19. und 21. Oktober. www.theater-roxy.ch